Die Beweislast hat sich verschoben

Vielleicht ist das der interessanteste Punkt der gegenwärtigen Debatte über Künstliche Intelligenz: Nicht die Warnungen sind neu. Neu ist, wer inzwischen warnt.

Jahrelang mussten diejenigen erklären, weshalb wir eine möglicherweise noch Jahrzehnte entfernte Superintelligenz überhaupt als Gefahr betrachten sollten. Vieles klang spekulativ. Ein bisschen Science-Fiction war immer dabei. Die Vorstellung, eine Maschine könne eines Tages Fähigkeiten entwickeln, die ihre Schöpfer nicht mehr beherrschen, ließ sich bequem als Schwarzmalerei abtun.

Das wird schwieriger, wenn diejenigen unruhig werden, die diese Maschinen bauen.

Anthropic-Chef Dario Amodei fordert inzwischen ausdrücklich, das Entwicklungstempo an der Spitze zu verlangsamen. OpenAI-Chef Sam Altman, Google-DeepMind-Chef Demis Hassabis und Elon Musk haben den Vorstoß unterstützt. Amodei schlägt unter anderem unabhängige Prüfer mit weitreichendem Zugang zu den Unternehmen sowie internationale Sicherheitsstandards vor.1

Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung. Unternehmen, die sich einen erbitterten Wettlauf um immer leistungsfähigere Systeme liefern, sagen uns nun selbst: Wir brauchen mehr Zeit, Kontrolle und Sicherheitsvorkehrungen.

Aus einer theoretischen Gefahr wird eine praktische Frage

Natürlich beweist keine Warnung eines Firmenchefs, dass uns morgen eine Superintelligenz auffrisst. Auch die teilweise genannten Prozentzahlen für ein existenzielles Risiko halte ich für problematisch. Niemand verfügt über eine statistische Grundgesamtheit vergangener Superintelligenzen, aus der sich eine seriöse Wahrscheinlichkeit für das Ende der Menschheit errechnen ließe.

Aber darum geht es inzwischen auch gar nicht mehr.

Die Frage lautete bisher vor allem: Können die Skeptiker beweisen, dass KI gefährlich wird?

Inzwischen darf man sie umdrehen: Können diejenigen, die immer leistungsfähigere und autonomere Systeme bauen, hinreichend begründen, dass sie deren Verhalten dauerhaft beherrschen werden?

Das ist für mich die verschobene Beweislast.

Auslöser der jüngsten Diskussion waren schließlich nicht nur philosophische Gedankenspiele. Fälle eigenständig handelnder KI-Agenten und unerwarteter Verhaltensweisen haben die Sicherheitsdiskussion neu entfacht. Einen wissenschaftlichen Konsens darüber, ob oder wann daraus eine existenzielle Gefahr entstehen könnte, gibt es trotzdem nicht. 2

Das scheint mir ein wichtiger Unterschied zu sein. Man muss keine Weltuntergangsszenarien übernehmen, um die neue Situation ernst zu nehmen.

Microsoft hat inzwischen sogar einen eigenen Verhaltenskodex für seine KI vorgestellt. Danach sollen die Systeme menschliche Korrekturen akzeptieren und sich einer Abschaltung niemals widersetzen.3

Das klingt zunächst beruhigend.

Mich beunruhigt allerdings schon die Tatsache, dass man solche Regeln offenbar für nötig hält.

Gleichzeitig wird weitergebaut

Nun beginnt der Widerspruch, der diese Debatte so faszinierend macht.

Die Unternehmen warnen vor dem Tempo – und investieren gleichzeitig Milliarden, um dieses Tempo hochzuhalten.

Das ist sogar nachvollziehbar. Wer bremst, während die Konkurrenz weiterfährt, könnte das wichtigste technologische Rennen unserer Zeit verlieren. Zwischen OpenAI, Anthropic, Google, Microsoft, Meta und anderen herrscht ein enormer Wettbewerb. Darüber liegt noch der geopolitische Konflikt zwischen den USA und China.

So entsteht eine ziemlich absurde Situation: Viele Beteiligte könnten eine langsamere Entwicklung vernünftig finden, aber keiner kann sicher sein, dass die anderen ebenfalls langsamer werden.

Das erinnert ein wenig an einen Autobahnabschnitt, auf dem sämtliche Fahrer feststellen, dass 250 km/h möglicherweise keine gute Idee sind. Nur vom Gas gehen möchte trotzdem keiner, weil er dann überholt wird.

Und natürlich sollte man noch eine zweite Möglichkeit nicht ausblenden: Sicherheitsregeln können auch denjenigen nützen, die längst an der Spitze stehen. Je höher die regulatorischen und finanziellen Hürden werden, desto schwieriger wird es für neue Konkurrenten. Auch deshalb wird der plötzliche Wunsch der großen KI-Unternehmen nach gemeinsamen Regeln kritisch diskutiert.4

Warnungen der Industrie verdienen also Aufmerksamkeit. Blindes Vertrauen verdienen sie nicht.

Und was wird aus all den Rechenzentren?

An diesem Punkt bekommt die internationale Debatte für mich eine überraschend persönliche Dimension. Ich muss dafür nur in unsere Region schauen.

Im Rheinischen Revier entstehen in Bergheim, Bedburg und Elsdorf große Microsoft-Rechenzentren. Im März wurde in Bergheim der erste Spatenstich gesetzt. Microsoft investiert insgesamt 3,2 Milliarden Euro in den Ausbau seiner deutschen KI- und Cloud-Infrastruktur; ein großer Teil davon fließt in unser Rechenzentrums-Cluster.5

Für unsere Region ist das keine Fußnote. Der Ausstieg aus der Braunkohle hinterlässt schließlich nicht nur riesige Löcher in der Landschaft. Er hinterlässt eine wirtschaftliche Aufgabe, deren Dimension man außerhalb des Rheinischen Reviers vielleicht unterschätzt.

Die Rechenzentren sollen deshalb weit mehr sein als Hallen voller Computer. Sie sollen Ausgangspunkt neuer Wertschöpfung werden. Das Land NRW verweist auf zwei geplante Digitalparks im Rheinischen Revier, denen eine Studie ein Potenzial von rund 5.000 Arbeitsplätzen zuschreibt.6

Das klingt nach einer wunderbaren Geschichte: Aus der Energie der Kohle wird die Rechenleistung des digitalen Zeitalters.

Aber ist diese Rechnung so sicher?

Was wäre, wenn der KI-Boom gebremst würde?

Momentan spricht nichts dafür, dass Microsoft seine Projekte im Rheinischen Revier zurückziehen möchte. Der Bau hat begonnen, die Baugenehmigungen liegen vor und für die notwendige Stromversorgung wird zusätzliche Netzinfrastruktur geschaffen.7

Das sollte man ausdrücklich festhalten. Alles andere wäre Spekulation.

Trotzdem halte ich die Frage für legitim, was geschähe, wenn sich der gigantische Ausbau der KI-Infrastruktur langsamer entwickelte als heute angenommen.

Denn der enorme Bedarf an neuen Rechenzentren basiert zumindest teilweise auf einer Annahme: KI wird in den kommenden Jahren immer leistungsfähiger und allgegenwärtiger. Dafür werden gewaltige Mengen Rechenleistung benötigt.

Was aber geschieht, wenn Regulierung, Sicherheitsbedenken, Energieprobleme, gesellschaftlicher Widerstand oder schlicht wirtschaftliche Ernüchterung dieses Wachstum bremsen?

Dass diese Frage nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, zeigt inzwischen sogar die Reaktion der Finanzmärkte. Nach den jüngsten Forderungen nach einer Verlangsamung gerieten Unternehmen unter Druck, deren Geschäft besonders stark von einem nahezu unbegrenzten weiteren Ausbau der Rechenzentren abhängt.8

Damit wird aus einer vermeintlich sicheren Zukunftsinvestition zumindest teilweise eine Wette auf eine bestimmte technologische Entwicklung.

Das bedeutet keineswegs, dass Rechenzentren wertlos würden, wenn sich das KI-Tempo verlangsamt. Cloud-Dienste, Unternehmenssoftware, Datenverarbeitung und digitale Dienste verschwinden schließlich nicht. Gerade deshalb sollte man zwischen digitaler Infrastruktur und der gegenwärtigen KI-Investitionseuphorie unterscheiden.

Für das Rheinische Revier wäre es aus meiner Sicht gefährlich, beides gleichzusetzen.

Ein Anker ist noch kein neues Wirtschaftsmodell

Mich beschäftigt deshalb weniger die Frage, ob Microsoft seine Milliardeninvestitionen morgen zurückzieht. Dafür sehe ich derzeit keinen Anlass.

Mich beschäftigt etwas anderes: Haben wir aus der Vergangenheit gelernt?

Jahrzehntelang war unsere Region von einer dominierenden Industrie abhängig. Jetzt soll der Strukturwandel gelingen. Dann wäre es einigermaßen ironisch, wenn wir unsere wirtschaftliche Zukunft erneut zu stark an eine einzelne Branche und einige wenige Großunternehmen hängen würden.

Ein Microsoft-Rechenzentrum kann ein hervorragender Anker sein. Aber ein Anker ist noch keine Flotte.

Entscheidend wird sein, ob rund um diese Infrastruktur tatsächlich neue Unternehmen, Forschung, Dienstleistungen, Ausbildung und dauerhafte Arbeitsplätze entstehen. Erst dann wird aus einem Rechenzentrum ein Strukturwandel.

Vielleicht ist das sogar die regionale Variante jener verschobenen Beweislast, die ich bei der KI insgesamt sehe.

Lange hieß es sinngemäß: Beweist erst einmal, dass diese Entwicklung gefährlich ist.

Inzwischen darf die Gesellschaft umgekehrt fragen: Zeigt uns, dass ihr sie beherrscht. Zeigt uns, dass der enorme Ressourcenverbrauch gerechtfertigt ist. Und zeigt einer Region wie unserer, dass Milliardeninvestitionen in Rechenzentren mehr hinterlassen als riesige Hallen, falls der gegenwärtige KI-Rausch irgendwann nüchterner betrachtet wird.

Ich hoffe sehr, dass diese Rechnung aufgeht. Gerade deshalb sollten wir sie prüfen.

Denn nach der Kohle braucht das Rheinische Revier eine Zukunft. Nicht bloß die nächste Abhängigkeit.

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