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  • Wem gehört die Energie der Zukunft?

    Die neue Studie über die wirtschaftlichen Folgen der Energiewende sollte eigentlich Schlagzeilen machen. Tut sie auch. Aber im Wesentlichen dient sie als Vorwand, erneut gegen Wirtschaftsministerin Reiche zu argumentieren. Dabei hat die Studie verdient, nicht wegen irgendeiner ideologischen Aufladung beachtet zu werden, sondern weil sie eine Frage berührt, die viele Regionen Deutschlands seit Jahren umtreibt: Kann der Ausbau erneuerbarer Energien den strukturellen Niedergang ländlicher Räume bremsen oder sogar umkehren?

    Die Autoren der Untersuchung kommen zu einem bemerkenswert klaren Ergebnis. Wenn die Ausbauziele für Wind- und Solarenergie erreicht werden, könnte sich die regionale Wertschöpfung bis 2033 mehr als verdoppeln. Gemeinden würden über Gewerbesteuern, Pachteinnahmen, lokale Beteiligungsmodelle und neue Unternehmensansiedlungen profitieren. Besonders profitieren könnten ausgerechnet jene Regionen, die lange als wirtschaftliche Randlagen galten: Teile Niedersachsens, Brandenburgs, Schleswig-Holsteins oder Mecklenburg-Vorpommerns.

    Die Studie beschreibt die Energiewende nicht als moralisches Projekt. Sie beschreibt sie als ökonomische Chance.

    Genau das macht die politische Zurückhaltung des Wirtschaftsministeriums unter Katherina Reiche interessant. Denn öffentlich spricht die Ministerin fast ausschließlich über Systemkosten, Netzprobleme und die Gefahr eines zu schnellen Ausbaus. Diese Argumente sind keineswegs aus der Luft gegriffen. Tatsächlich braucht eine auf Wind- und Sonnenenergie basierende Versorgung massive Investitionen in Stromnetze, Speichertechnik und Reservekapazitäten.

    Aber die Studie verschiebt den Blickwinkel. Sie fragt nicht nur, was die Energiewende kostet. Sie fragt auch, wer an ihr verdienen könnte.

    Und an diesem Punkt wird die Debatte plötzlich politisch brisant.

    Denn eine dezentrale Energieversorgung stärkt zwangsläufig Regionen, Genossenschaften, kommunale Betriebe und lokale Investoren. Große Teile der Wertschöpfung könnten vor Ort bleiben. Bürgerenergiegesellschaften würden an Einfluss gewinnen. Gemeinden könnten unabhängiger werden.

    Das steht zumindest teilweise im Spannungsverhältnis zu den Interessen großer Energiekonzerne und zentralisierter Versorgungsstrukturen. Jahrzehntelang funktionierte die deutsche Energiewirtschaft über wenige große Erzeuger und riesige Kraftwerksstandorte. Dezentrale Systeme verschieben Macht und Gewinne nach unten. Nicht revolutionär. Aber spürbar.

    Deshalb stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Skepsis gegenüber einer beschleunigten Dezentralisierung wirklich nur technische Gründe hat.

    Oder ob hier auch wirtschaftliche Machtstrukturen verteidigt werden.

    Besonders interessant wirkt diese Frage im Rheinischen Revier. Ausgerechnet dort, wo jahrzehntelang Braunkohle gefördert wurde, entstehen nun gigantische KI-Rechenzentren von Microsoft in Bedburg, Bergheim und Elsdorf. Das Unternehmen investiert Milliarden in die Region. Offiziell wird vor allem der Strukturwandel betont. Von der Kohle zur KI lautet die Erzählung.  

    Auffällig ist allerdings, dass das Rheinische Revier gleichzeitig über enorme Energieinfrastrukturen verfügt. Die Region besitzt leistungsfähige Stromnetze aus der Zeit der Braunkohleindustrie. Gleichzeitig entstehen dort immer mehr Wind- und Solarprojekte. Bedburg selbst ist an Windparks beteiligt. Auch große verfügbare Flächen spielen eine Rolle.  

    Microsoft selbst betont öffentlich vor allem die strategische Lage, die vorhandene Infrastruktur und die Zukunftsfähigkeit der Region. Einen direkten Zusammenhang zwischen der Ansiedlung und besonders günstiger Windenergieversorgung nennt das Unternehmen bislang nicht ausdrücklich. Dennoch gilt als wahrscheinlich, dass die langfristige Verfügbarkeit großer Strommengen aus erneuerbaren Quellen bei solchen Projekten eine erhebliche Rolle spielt. Rechenzentren verschlingen gigantische Energiemengen. Für internationale Techkonzerne wird die Versorgung mit vergleichsweise günstigem und zugleich klimafreundlichem Strom zunehmend zum Standortfaktor.  

    Das alles führt zu einer merkwürdigen Situation.

    Deutschland diskutiert erbittert über Windräder, Stromtrassen und Netzkosten. Gleichzeitig entstehen genau dort neue digitale Machtzentren, wo erneuerbare Energie künftig im großen Stil verfügbar sein könnte.

    Vielleicht geht es bei der Energiewende längst nicht mehr nur um Klima.

    Vielleicht geht es inzwischen auch um die Frage, wer künftig die Kontrolle über Energie, Daten und wirtschaftliche Entwicklung besitzt. 

    Produzierte Strommengen

    Im Stadtgebiet von Bedburg stehen inzwischen mehrere große Windparks. Zusammen kommen sie aktuell auf rund 95 MW installierte Leistung, bis Ende 2026 sollen es sogar etwa 156 MW werden.  

    Allein der Windpark „Königshovener Höhe“ erzeugte schon 2015 etwa 140.000 Megawattstunden Strom pro Jahr — rechnerisch genug für rund 58.000 Haushalte.   Der neuere Windpark „Bedburg A44n“ liefert zusätzlich Strom für etwa 28.000 Haushalte.  

    Rein rechnerisch produzieren die Bedburger Anlagen also heute schon mehr Strom, als viele Haushalte der Stadt selbst verbrauchen. Das wirkt auf den ersten Blick paradox: Warum wird der Strom dann nicht massiv billiger?

    Dafür gibt es mehrere Gründe.

    Erstens: Strom wird in Deutschland nicht lokal bepreist.
    Der Strom aus den Bedburger Windparks fließt ins allgemeine Netz. Du kaufst also nicht „Bedburger Windstrom“, sondern Strom aus dem europäischen Verbundmarkt. Der Preis entsteht an Strombörsen und durch Netzentgelte, Steuern, Umlagen und Marktmechanismen.

    Zweitens: Die Netzkosten sind enorm.
    Gerade weil viel Windstrom im Norden und in bestimmten Regionen produziert wird, müssen gigantische Stromtrassen gebaut werden. Diese Kosten landen am Ende auf den Stromrechnungen.

    Drittens: Der Börsenpreis allein ist nicht deine Stromrechnung.
    Selbst wenn Windstrom zeitweise extrem billig produziert wird, bestehen Haushaltsstrompreise zu großen Teilen aus Abgaben, Netzgebühren und Vertriebskosten.

    Viertens: Das System braucht Reservekapazitäten.
    Wind liefert nicht konstant. Deshalb müssen Gaskraftwerke, Speicher oder andere Reservequellen bereitstehen. Auch das kostet Geld.

    Und dann kommt noch ein politischer Punkt hinzu, der selten offen ausgesprochen wird:

    Große Teile des Energiemarkts funktionieren weiterhin zentral organisiert. Selbst wenn lokal sehr günstig produziert wird, profitieren davon nicht automatisch die Bürger vor Ort. Genau deshalb argumentieren viele Befürworter von Bürgerenergie und kommunalen Modellen, dass Regionen stärker direkt an der Produktion beteiligt werden müssten.

    Interessant ist übrigens: Genau solche Modelle existieren in Bedburg teilweise bereits. Die Stadt ist an mehreren Windparks beteiligt und erzielt daraus Einnahmen.  

    Man könnte fast sagen: Die Landschaft rund um Bedburg produziert längst Strom für die Zukunft — aber unser Stromsystem stammt in Teilen noch aus der Vergangenheit.

    Wo liegt der Benefit für die Bürger und die Kommune?

    Der Nutzen für Bürger und Kommune liegt weniger in der privaten Stromrechnung als in einer Art regionalem „Nebenstrom“ aus Geld, Infrastruktur und Einfluss. Genau das wird oft missverstanden.

    Für die Kommune selbst entstehen mehrere Vorteile:

    • Gewerbesteuern
      Betreiberfirmen zahlen Steuern vor Ort — zumindest teilweise. Das kann für kleinere Städte plötzlich Millionenbeträge bedeuten.
    • Pachteinnahmen
      Wenn kommunale Flächen genutzt werden, fließt Geld direkt an die Stadt oder an lokale Eigentümer.
    • Beteiligungen
      Manche Kommunen sind direkt an Windparks beteiligt. Dann verdienen sie mit jedem produzierten Kilowattstunde mit.
    • Strukturwandel
      Für Regionen wie Bedburg nach der Braunkohle ist das enorm wichtig. Neue Firmen, Wartungsbetriebe, Technikdienstleister oder Energiedienstleister siedeln sich an.
    • Infrastruktur
      Zusätzliche Einnahmen können in Schulen, Straßen, Kitas oder Digitalisierung fließen.

    Für Bürger gibt es ebenfalls Vorteile — allerdings oft indirekt:

    • Landwirte verdienen an Pachtflächen
      Ein Windrad kann für Grundstückseigentümer eine stabile Einnahmequelle sein.
    • Bürgerenergie-Modelle
      Wenn Menschen Anteile an Anlagen besitzen, erhalten sie Renditen statt nur Stromrechnungen.
    • Teilweise günstigere lokale Tarife
      Einige Kommunen experimentieren mit vergünstigten Bürgerstrommodellen.
    • Arbeitsplätze
      Wartung, Netztechnik, Bau, Sicherheit, IT — das schafft regionale Jobs.
    • Mehr kommunale Stabilität
      Wenn eine Stadt finanziell besser dasteht, profitieren Bürger oft langfristig über bessere Leistungen.

    Aber genau hier beginnt auch der Streit.

    Kritiker sagen:
    Die Belastungen — Landschaftsverbrauch, Stromtrassen, steigende Netzentgelte — tragen die Menschen vor Ort, während große Investoren Gewinne abschöpfen.

    Befürworter antworten:
    Dann müsse man eben dafür sorgen, dass die Menschen vor Ort stärker beteiligt werden.

    Und vielleicht liegt genau dort der eigentliche Kernkonflikt der Energiewende:

    Nicht nur die Frage, wie Strom erzeugt wird.

    Sondern wer daran verdient.

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  • Von Saba-Spulen zu Alexa-Streams

    Zugegeben, ich bin im Moment auf dem Nostalgiepfad unterwegs. Ich sitze – wie meistens – am iMac und höre beim Surfen (sagt man das noch) Musik. Gestreamte Musik. Schon einige Male hatte ich mich als geouteter, exzessiver Nutzer von Spotify hier darüber beklagt, dass ich diese Veränderung im Vergleich zu früher™ auch nicht nur positiv finde.

    Marvin Gaye und Curtis Mayfield höre ich. Soul vom Feinsten. Beide sind schon vor langer Zeit verstorben.

    Über diese entspannte Tätigkeit fiel mir eine Geschichte ein, die womöglich nur für mich überhaupt eine Aussage hat. Aber versuchen kann ich es ja mal. Schließlich bin ich Blogger.

    Es muss Ende der 1960er Jahre gewesen sein. Ich war gerade in der Lehre und operierte damals noch mit einem Saba-Tonbandgerät (etwa so etwas). In den frühen 60ern waren zwar bereits Stereogeräte State of the Art, aber ich war gerade in der Ausbildung. Da fehlte die nötige Knete.

    Ich hatte gehört, dass man auf geheimnisvolle Weise das Tonbandgerät dazu bringen könnte, einen Zweikanalton zur Welt zu bringen. Auf die Idee, mir noch etwas Zeit zu nehmen, um schließlich eine Stereoanlage mit dem Ersparten zu kaufen, kam ich nicht. Ich musste zumindest versuchen, diese „Lösung“ mit dem Zweikanalton nutzbar zu machen. Da ich dabei war, eine kaufmännische Ausbildung zu machen, kann man sich vorstellen, dass ich technisch nicht unbedingt auf der Höhe war, um mich dieser Herausforderung zu stellen.

    Aber wozu hat man Freunde? Einer von ihnen hatte bei einem kleinen Radiofachgeschäft (so hieß das) im Ort eine Lehre begonnen. Ich wusste, der war fit. Sein Lehrherr (auch so’n Wort für die Liste ausgestorbener Begriffe) war als Fachmann für TV-Reparaturen unersetzlich. Vor allem für meinen Vater. Nichts war schlimmer, als wenn das TV-Gerät den Geist aufgegeben hatte und wir (aufgrund permanenter Überlastung) auf den heimischen Fachmann warten mussten. Tagelang … Das hatte zur Folge, dass der Mann – wenn er denn da war – wie ein König behandelt wurde. Ein Fläschchen Doornkaat war kaltgestellt und durfte sicher sein – der Fernseher war erst repariert, wenn die Flasche leer war.

    Die Männer waren kompetent und zuverlässig. Nie gab’s die Ausrede: „Das Gerät ist defekt, eine Reparatur lohnt sich nicht. Kaufen Sie sich einen neuen.“ Er verkaufte in seinem Geschäft auch neue TV-Geräte. Was repariert werden konnte, wurde auch repariert.

    Ich bin also mit meinem Rad (das Tonband auf dem Gepäckträger) in besagtes Geschäft gefahren. Vorher hatte ich mich natürlich bei meinem Freund angekündigt. Er erklärte kurz, was er machen könne, und ich fuhr voller Vertrauen (noch ohne Tonbandgerät) wieder gen Heimat.

    Am nächsten Tag war alles fertig. Ich holte das neue Pseudo-Stereogerät ab und war gespannt, wie sich das zu Hause anhören würde. Es hörte sich anders an. Soviel kann ich sagen. Ich weiß nicht, was ich damals für das Tonband-Tuning bezahlt habe. Wahrscheinlich hätte ich besser daran getan, das Geld für eine richtige Stereoanlage auf die hohe Kante zu legen.

    Ungefähr 3 Jahre später habe ich mir dann meine erste Stereoanlage gekauft. Die Marke hieß Wega und wurde später (Mitte der 1970-er Jahre) von Sony übernommen. Das war dann richtig Stereo in allen Räumen. Nein, nur in meiner Mansarde, die ich damals allein bewohnte. Meine Frau und unsere Freunde erinnern uns an diese Zeit sicher besser als ich an die technischen Details, was das Tuning meines Tonbandes anlangt.

    Was habe ich zu dieser Zeit noch alles unternommen, um aus der Musik (ich hatte damals noch keine Schallplatte!) das Beste herauszuholen! Heute sage ich: „Alexa, spiel dieses oder jenes“, und dann höre ich zwar, weiß aber nicht mehr wirklich das zu schätzen, was ich früher so phänomenal und einzigartig fand.

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  • Wie Heimat zur Wasserfläche wird

    Mit Veränderungen klarzukommen, fällt nicht jedem zu jeder Zeit leicht. Manche behaupten auch, keine Überraschungen zu mögen. Das fällt vielleicht in die gleiche Kategorie. Diejenigen unter uns, die diese Sicht auf die Dinge teilen, dürften im Moment zu den Menschen zählen, die ganz besonders diesen Druck spüren, den ihnen Typen wie Putin, Trump oder Netanjahu durch ihr kriegerisches, barbarisches und egoistisches Handeln aufbürden.

    Als ob es nicht schon genug Veränderungen gäbe, mit denen man im Lauf des Lebens irgendwie versuchen muss, klarzukommen. So viele Menschen haben wir verloren. Es bleiben zwar Erinnerungen, aber ihr Aussehen, ihre Stimmen, ihre Eigenarten verblassen. Wohl dem, der fotografiert und gefilmt und so die Chance genutzt hat, Schnappschüsse von seinen wichtigsten Menschen zu machen.

    Ich habe hier schon oft davon geschwärmt, wie behütet meine Kindheit war. Es fällt mir immer schwer, dafür die richtigen Worte zu finden. Worte der Dankbarkeit, die ich ein wenig zu selten an meine Eltern gerichtet habe. Von dieser Zeit sind ein paar Fotos geblieben. An die Szenen erinnere ich mich, wenn überhaupt, nur noch ganz schwach. Die Bilder in meinem Kopf sind verblasst, die Fotos helfen der Erinnerung möglicherweise auf die Sprünge, aber sie suggerieren am Ende auch Gefühle, die mit den damaligen realen Verhältnissen gar nicht in Einklang zu bringen sind.

    Es wäre schön, wenn ich die goldenen Gefilde meiner Kindheit nur noch einmal besuchen könnte. Rheinbraun hat ganze Arbeit geleistet, zugunsten unserer Energieversorgung und tausender Arbeitsplätze. Auch die Rekultivierungsleistungen waren nicht nur teuer, sondern auch erfolgreich. Ich nutze die Möglichkeiten, die unsere Naherholungsgebiete heute bieten, häufig und gern. Einen Teil des Bodens, auf dem meine Kindheit wurzelte, nennt man heute Peringsmaar. Keine menschliche Vorstellungskraft dürfte ausreichen, um am Seeufer stehend die nötige Fantasie dafür aufzubringen. Dabei erinnere ich die Details des Terrains so gut, dass mir die Lage von Ställen, Wiesen und so mancher anderer Ecke noch immer bildlich vor Augen steht.

    Dieses Foto zeigt das Schloss Bedburg. Links mit Anbau und Kapelle, rechts seht ihr, wie das Schloss nach dem Abbruch dieses Teiles aussieht. Immerhin ist es noch da, auch wenn es mich immer noch schmerzt. Man sieht sozusagen, wenn man genauer hinschaut, die von mir beinahe als schmerzhaft empfundene Abbruchkante am noch stehenden Teil.

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  • Magnolien am 2. März?

    Was da schon alles wächst, kreucht und fleucht, ist für den 2. März doch ganz schön beachtlich. Ich habe sogar schon einen blühenden Magnolienstrauch vor die Linse bekommen. Das dürfte für unsere Region schon rekordverdächtig sein. Die meisten Magnolien, einschließlich der Tulpen-Magnolie, blühen von Ende März bis Ende April oder Mai. 

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  • Kirschblüten, Motorsägen und Erinnerung

    Im Nachbarort Kaster säumen seit Jahrzehnten rund 40 Kirschbäume eine etwa 400 bis 500 Meter lange Straße. Seit nunmehr 31 Jahren leben wir in Königshoven – und jedes Mal aufs Neue lieben wir es, wenn im April ihre Blüten aufbrechen und der Frühling sichtbar wird. Es ist dieses kurze, fast übermütige Aufleuchten, das uns daran erinnert, dass ein Jahr nicht nur aus Schlagzeilen und Sorgen besteht.

    Heute lesen wir im Kölner Stadt-Anzeiger, dass ein Drittel dieser Frühlingsträume gefällt werden soll. Pilzbefall, morsches Holz, Sicherheitsbedenken. Sachliche Worte für etwas, das sich wie ein Verlust anfühlt. Die Arbeiten haben bereits begonnen. Motorsägen kennen keine Nostalgie.

    Zum Glück sollen neue Kirschbäume gepflanzt werden. Ein Trost, der keiner ist. Denn Bäume wachsen nicht in Legislaturperioden, sondern in Menschenleben. Jahrzehnte werden vergehen, bis die Lücken geschlossen sind. Bis wieder ein Blütendach entsteht, unter dem man stehenbleiben möchte. Vielleicht erleben wir es noch, vielleicht auch nicht.

    Das Wurzelwerk der alten Bäume hat sich unter die direkt angrenzende, stark befahrene Landstraße geschoben. Ein schönes Bild eigentlich: Leben, das sich ausbreitet, Raum sucht. Nun wird es ihnen zum Verhängnis. Die Straße bleibt. Die Bäume gehen.

    Mein Vater leitete vor Jahrzehnten die Gärtnerkolonne unseres Städtchens. Er erzählte oft von Fällungen – von Pappeln, von Kastanien. „Notwendig“, sagte er. Vernünftig. Aber zwischen seinen Worten lag immer auch Bedauern. Man fällt keine Bäume, ohne etwas mitzunehmen, das nicht messbar ist.

    In Bedburg gibt es eine Pappelallee. Der Name klingt üppiger, als die Wirklichkeit inzwischen ist. Die Bäume wurden über die Jahre weniger, der Klang blieb. Auch bei den Kastanien hat sich ein Pilz ausgebreitet, der sich kaum aufhalten lässt. Fast jede trägt die Spuren davon. Sie stehen noch – aber gezeichnet.

    Vielleicht ist es das, was schmerzt: nicht das abrupte Ende allein, sondern dieses langsame Verschwinden. Erst werden es weniger. Dann gewöhnt man sich daran. Und irgendwann merkt man, dass eine Allee nur noch Erinnerung ist.

    Sehr schade.

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  • Grüner Zorn und ein fliegendes Gebiss

    Mein Vater schickte mich in den Garten, weil meine Langeweile und ich nicht wussten, wo wir uns lassen sollten. Es war gegen Ende der 1950-er Jahre. Ich war vielleicht vier, fünf Jahre alt. Die Welt war groß, aber mein Aktionsradius klein. Ich hatte in einem Schuppen einen Eimer knallgrüner Farbe entdeckt und einen für meine Größe gewaltigen Pinsel. Ich machte mich unverzüglich daran, die Wände an unserem Haus zu bepinseln. Ich war also gewissermaßen qua Neigung der erste Graffiti-Künstler oder Sprayer seiner Zeit. Papa fand das nicht gut. Aber er hatte eine Idee.

    Ich sollte statt unserer Hauswand doch lieber die Rankhilfen unserer Tomaten grün anstreichen. „Beschäftigungstherapie“ oder so, hätte man das heute genannt. Er wies in Richtung Gemüsebeet in einem der beiden riesigen Gärten: „Mach das ordentlich!“

    Motiviert war ich nicht. Null. Ich war der festen Überzeugung, dass das ein Job war, der allenfalls an Strafarbeit grenzte – und was konnten bitte die Tomatenpflanzen dafür? So kam es, dass nicht nur die Rankhilfen, sondern auch die zarten Pflanzen selbst ein gutes Stück Farbe abbekamen. Künstlerische Freiheit, quasi.

    Doch ich war nicht allein. Zwei der Gehilfen meines Vaters werkelten in der Nähe. Und einer davon, Anton, hatte mich im Blick. Irgendwann platzte ihm der Kragen: „Konzentrier’ dich mal auf die Rankhilfen und mach die unschuldigen Pflanzen nicht kaputt!“

    „Hmmm“, dachte ich. „Jetzt will der mir auch noch sagen, wie ich meine Arbeit zu machen habe?“ Ich malte weiter. Rankhilfen, Tomaten – alles wurde grün. Wär’ ja noch schöner.

    Anton kam näher, seine Stimme wurde schärfer: „Hörst du jetzt, was ich sage? Wenn du nicht hören willst, dann packe den Kram zusammen und geh!“ Das war der Moment, an dem mein kindlicher Zorn explodierte.

    Ich tauchte den Pinsel noch einmal richtig tief in die Farbe und – zack – warf ihn ihm an den Kopf. Der Treffer saß. Antons Gebiss, von einem satten Grünton veredelt, flog durch die Luft. Ein Bild für die Götter – oder für spätere Familienfeiern.

    Doch der Triumph währte kurz. Anton war schneller, als ich dachte. Ich rannte, aber er rannte hinterher. Und dann spürte ich es: den Schlag mit dem Rechenstiel, direkt in die Beine. Ich fiel, heulte – und tat das, was kleine Jungs in solchen Momenten eben tun.

    Ich lief zu meinem Vater. Schluchzend, wütend, voller Empörung: „Der hat mich geschlagen!“ Und oh ja, mein Vater wurde richtig laut. „Du hast meinen Sohn nicht zu schlagen!“ brüllte er Anton entgegen. Es flogen Worte – keine Pinsel mehr.


    Ein paar Tage später war alles wieder gut. Erwachsene sind seltsam. Ich wusste damals noch nicht, wie wichtig Versöhnung sein kann. Denn Anton – genau der – spielte zu Weihnachten regelmäßig den Nikolaus. Und in diesem Alter glaubte ich noch. Fest.

    Hätte er gewollt, hätte er mir die Rute gegeben. Doch er blieb freundlich. Wohl, weil sein Gebiss längst befreit von dem leichten Grünstich. Vielleicht auch, weil sogar Nikolaus mal klein angefangen hat.

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  • Ressourcenschutzsiedlung Kaster: die gravierenden Sachschäden bilden nur einen Teil des Dramas ab

    Als ich den Artikel im Februar 2024 verfasste, konnte ich nicht ahnen, dass die Ereignisse Anfang September 2025 das Leben in unserem Städtchen so erschüttern würden – besonders für die mehr als 130 Familien, die nun schwer daran tragen.

    In wenigen Fotos hatte ich die Arbeiten am sogenannten Hohenholzer Graben festgehalten und mich damals ein wenig darüber echauffiert, dass alte Bäume (gemäß Erzählung 100-jährige Buchen und Eichen) diesen Vorsichtsmaßnahmen weichen mussten. Naturschutz hat viele Aspekte.

    Wie verheerend die Folgen der Flut waren – weit über die finanziellen Schäden hinaus –, lässt sich kaum ermessen. Besonders hart traf es die vielen Menschen, die erst vor wenigen Monaten in der neuen Siedlung ihr Zuhause gefunden hatten.

    Auf meinen Spaziergängen am Bachlauf bin ich oft am Rückhaltebecken vorbeigekommen. Welche Bedeutung es einmal haben könnte, war mir damals nicht bewusst. Dass seine Dimensionen nicht ausreichten, um die gewaltigen Regenmassen aufzufangen, wirkt heute unfassbar. 145 Liter Niederschlag pro Quadratmeter wurden gemessen, in manchen Orten wie Weiler-Hohenholz sogar über 160. Von dort strömte das Wasser talwärts und richtete in der Ressourcenschutzsiedlung Millionenschäden an.

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    Screenshot WDR

    Jetzt sitze ich wieder am Rechner und schreibe über dieses Unglück, das nur ein paar Hundert Meter weiter viele Menschen in große Not gestürzt hat. Nach den Berichten im TV und anderen Medien denke ich, dass die Verantwortlichen der Stadt Bedburg sich verständlicherweise nicht nur einiges von den Betroffenen anhören mussten und müssen. Sobald die Verantwortlichkeiten endgültig geklärt sind, dürften Schadensersatzansprüche gegen die Stadt gestellt werden. Was diesen Menschen passiert ist, beschäftigt mich sehr. Abgesehen davon, dass es sich um ein Naturereignis von bislang unvorhersehbarem Ausmaß handelt, werden wir uns alle (nicht nur in Deutschland) auf die Folgen der Klimakatastrophe allen Bagatellisierungsbemühungen rechtskonservativer Akteure zum Trotz, einstellen müssen. Dass die Bereitschaft dazu infolge einer gesellschaftlichen Abstumpfung gegen jeden Sensibilisierungsversuch insbesondere umweltaffiner Gruppen und politischer Akteure (Grüne) im Keller ist, wird uns gewaltig auf die Füße fallen. Aber das scheint vielen ebenso egal zu sein wie die steigenden Stimmenanteile der AfD im Land zeigen.

    Ein Familienvater sagte dem WDR sinngemäß, er hätte für sich und seine Familie einen anderen Bauplatz ausgewählt, wenn er von diesen Risiken, die angeblich bereits in der Planungsphase bekannt gewesen sind, gewusst hätte.

    Die Stadt will nun den Wald hinter der Siedlung kaufen, um so die notwendigen Maßnahmen zum Schutz umsetzen zu können. Sollte die Stadt den Deal machen können, will sie nur einen kleinen Teil für Schutzmaßnahmen wie ein Regenrückhaltebecken oder Retentionsflächen nutzen. Für den Großteil der Fläche gibt es nach Angaben eines Stadtsprechers noch keine konkreten Pläne.

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  • Warten bis der Arzt kommt: Ein Tag in der Notaufnahme

    Ein Tag voller Warten

    Meine Nichte sitzt seit heute Morgen um 10.30 Uhr in der Ambulanz des Bergheimer Krankenhauses. Ihr Hausarzt hatte einen entzündeten Abszess am Oberarm diagnostiziert und eine Überweisung für eine chirurgische Entfernung ausgestellt. Ein klarer Fall – sollte man meinen. Doch um 19.30 Uhr sitzt sie immer noch unbehandelt im Wartebereich. Begleitet von meiner Schwester, die selbst früher Krankenschwester war, und daher genau weiß, was im Hintergrund eigentlich passieren müsste. Doch nichts geschieht.

    Neben ihr wartet ein junger Mann, der sogar noch etwas früher eintraf – mit dem Verdacht auf ein Blutgerinnsel im Gehirn. Eine Diagnose, die niemanden kaltlassen sollte. Und trotzdem: kein Handeln, nur endloses Warten.

    Vom Schließen und Verlegen

    Unser eigenes Krankenhaus wurde in diesem Jahr geschlossen. Ich habe bereits darüber geschrieben. Seither bleibt uns nur der Weg nach Bergheim. Meine Frau und ich mussten diese Erfahrung auch schon machen – zuletzt in diesem Jahr. Wer erkrankt, darf also zunächst eine Reise unternehmen, bevor er hoffen darf, Hilfe zu finden.

    Das Problem ist: Es handelt sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher. Vielmehr scheint diese Form der Überlastung inzwischen Normalität geworden zu sein. Die politischen Versprechungen, mit denen solche Missstände angeblich bekämpft werden sollen, wirken zunehmend wie ein Ritual – ohne Glaubwürdigkeit, ohne echte Hoffnung.

    Wenn nichts mehr funktioniert

    Deutschland gleicht inzwischen einem Land der Dauerbaustellen. Schulen, die renoviert werden müssen, deren Sanierung aber nicht einmal ansatzweise terminiert ist. Die Bahn, die seit Jahren im Genesungsprozess steckt, ohne Aussicht auf Besserung. Und nun Krankenhäuser, die auf Kante laufen, Patienten, die warten müssen, obwohl die Diagnose dringlich ist.

    Unser Gesundheitssystem taumelt am Rand des Kollapses. Die Finanzierung ist unsicher, das Vertrauen der Bürger dahin. In Berlin denkt man laut über Kommissionen und Reformherbst nach – als stünde der Herbst nicht schon in der Tür. Aber: Worte statt Taten.

    Die Verantwortung, die niemand trägt

    Wer ist schuld an dieser lebensgefährlichen Engpasssituation? Das Land NRW? Der Bund? Irgendwelche Gremien, die über Klinikschließungen entschieden haben? Am Ende bleibt nur eine Gewissheit: Niemand will es gewesen sein. Verantwortung ist in Deutschland offenbar ein Gut, das sich leichter abschieben als übernehmen lässt.

    Und währenddessen sitzen Patienten in den Ambulanzen – Stunde um Stunde, Tag für Tag. Man könnte laut fluchend davonlaufen. Nur – wer krank ist, braucht Hilfe und keinen Wutanfall.

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  • Zelte, Brötchen, Hoffnung: Wie Kaster zusammensteht

    In Kaster, kaum einen Steinwurf von meinem Heimatdorf Königshoven entfernt, steht mitten in der Ressourcenschutzsiedlung ein weißes Zelt. Von meinem Haus aus sind es vielleicht 500 Meter dorthin – und doch fühlt sich der Weg in diesem Moment wie eine Reise in eine andere Welt an. Das Zelt ist zum Rettungsanker für jene geworden, die in einer einzigen Nacht ihr Zuhause, ihre Sicherheit, ihre Pläne verloren haben. Draußen rennen Kinder hinter einem Ball her, drinnen teilen Erwachsene Brötchen, Kaffee und die Last ihrer Tränen. Es sind Bilder der Nähe, des Trostes, der Stärke – und doch ahne ich, dass die wärmenden Worte nur eine dünne Decke sind. Sie schützen für Augenblicke, aber nicht über die langen, stillen Stunden hinaus. Wie tief die Verzweiflung dieser Familien wirklich reicht, kann ich kaum ermessen.

    Es wird Nachbarschaftshilfe organisiert. Unterstützung kommt von Mitbewohnern der Siedlung – denen, die nicht so betroffen sind, wie andere, der Stadt, einem Getränkemarkt, einem Supermarkt und zwei ansässigen Bäckereien. Mindestens 100 Menschen finden hier täglich Verpflegung und Trost. Für viele ist es mehr als eine Mahlzeit – es ist der Ort, an dem Verzweiflung geteilt werden darf.

    Hier leben ca. 130 Familien, die ihren Traum vom Eigenheim realisiert haben und zum Teil erst kurz (einige Wochen oder Monate) zuvor eingezogen waren. Die meisten sind schwer betroffen von dieser Katastrophe. Man mag sich nicht ausmalen, was das für die großenteils jungen Familien mit mehreren Kindern bedeutet.

    Währenddessen tragen Familien verschlammte Möbel und Erinnerungen in Container. Manche sprechen von Schäden in sechsstelliger Höhe, einige Häuser sind sogar unbewohnbar. Wer keine Küche mehr hat, ist auf das Zelt angewiesen. Die Stadt vermittelte bereits erste Wohnungen, weitere Menschen warten.

    Bürgermeister Sascha Solbach kündigte an, die neue Flüchtlingsunterkunft für Betroffene freizugeben. Spendenaktionen laufen, Fonds und Versicherungen sollen helfen. Doch nicht alle sind ausreichend versichert, die Angst vor Kündigungen der Policen wächst.

    Die Stadt denkt an Mauern, zusätzliche Rückhaltebecken, sogar an Waldrodung, um künftige Fluten abzufangen. Denn was fiel, war kein „normaler“ Regen: 160 Liter in sechs Stunden – ein Jahrhundertregen, der kein Jahrhundert brauchte, um Realität zu werden. Der Gesamtschaden allein in dieser Siedlung dürfte sich auf einen Betrag in zweistelliger Millionenhöhe belaufen.

    Die Kreissparkasse Köln bietet zinsfreie Kredite an. Der Kredit soll zinsfrei bei möglichen Beträgen zwischen 5.000 und 100.000 Euro sowie Laufzeiten von bis zu 120 Monaten sein.

    Eine zusätzliche Sperrgutabfuhr soll Entlastung bringen. Und für die Kinder organisiert die Stadt eine „Auszeit“ mit Spiel und Unterhaltung – kleine Inseln der Normalität inmitten des Chaos.

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  • Diesmal ging der Kelch in Form von Starkregen nicht an uns vorbei.

    Unwetter Starkregen

    Das war eine „tolle“ Nacht. Gestern Abend gings schon los. Starker Regen und einige Blitzeinschläge, die für taghelle Umgebung sorgten. Außerdem knallte es. Gewitter waren halt auch unterwegs. Die Internetverbindung war kurzfristig unterbrochen. Aber das alles war nichts gegen den Regen, der in unserer Region niederprasselte. Heute heißt es, dass beispielsweise in Weiler-Hohenholz, einem kleinen Örtchen, das zum Stadtgebiet Bedburg zählt und das keine 4 km von uns entfernt ist, über 140 Liter/qm niedergingen. Die vorausgesagten Niederschläge lagen laut Wetterbericht zwischen 60 und 80 Litern/qm. Es wurde zum Teil sehr viel mehr. Man sollte auf Kachelmann hören – jedenfalls beim Wetter.

    Wir gingen erst gegen 2.00 Uhr heute Morgen zu Bett und wurden zwischen drei und vier von unserer Nachbarin geweckt. Unser Keller war vollgelaufen. Nicht übertreiben, lieber Horst! Ich glaube, mehr als zwei bis drei Zentimeter waren es nicht. Dafür verteilten sich Schlick und Regenwasser gleichmäßig in allen Kellerräumen. Der Geruch war immerhin einigermaßen erträglich. Das mag allerdings auch an meinem leichten Schnupfen gelegen haben.

    Die Feuerwehr war alarmiert, nur hatte die mit parallel über 100 Einsatzorten ihre liebe Müh‘. Wir waren also auf uns angewiesen und das war angesichts der vergleichsweise begrenzten Wassermenge voll OK. Zum Glück besitzt unser Nachbar einen Industriestaubsauger. Der war heute wirklich Gold wert. Trotzdem haben wir so manchen Eimer mit Wasser und Schlick aus dem Keller getragen, das wir etwas mühsam mit handelsüblichen Wasserschiebern quasi von Hand aufsammelten. Nach ungefähr zwei 1/2 Stunden waren sechs Kellerräume, Waschküche und Heizungskeller fast wie neu. Das war eine gute Teamleistung. Auch, wenn man bedenkt, dass die meisten von uns schon über 70 Jahre alt sind. Im Fahrradkeller war merkwürdigerweise kein Wasser eingedrungen.

    Andere Bewohner unseres Städtchens hatten weniger Glück. Gleich nebenan wohnt ein Mann, der gesundheitlich sehr angeschlagen ist. Er wohnt in einer Souterrain-Wohnung und war über Nacht zur Dialyse im Krankenhaus. Dieser Prozedur unterzieht er sich alle zwei Tage. Er wurde in der Nacht von seinem Nachbarn telefonisch geweckt, weil – wie bei ihm selbst – die komplette Wohnung unter Wasser stand (50 cm hoch), erzählte er mir. Teile des Wohnungsinventars lagen bereits auf der Wiese vor dem Haus. Man hat eine Idee davon, welche Wunden solche Erfahrungen reißen können. Wenn dann auch noch solche Bedingungen hinzukommen, ist die Erfahrung doppelt schlimm.

    In einem Ortsteil wurden ganze Häuser evakuiert, weil ein Bach (Pützer Bach) zu einem reißenden Fluss mutiert ist. In eine Ressourcensiedlung (siehe obiger Link), die erst vor kurzer Zeit fertiggestellt und bezogen wurde, ist das Wasser mit aller Macht eingedrungen. Zum Glück haben die Maßnahmen zu ihrem Schutz wohl das Schlimmste verhindert. Die Aufräumarbeiten werden allerdings intensiv und vielleicht einigermaßen langwierig.

    Mich stört an diesem Fall, dass erst vor einer kurzen Zeit eine andere Neubausiedlung im Stadtgebiet ebenfalls von einem Starkregenereignis getroffen wurde. Ein hinter dieser Siedlung liegendes Feld hatte sich quasi verselbständigt. Matsch und Wasser waren nicht aufzuhalten. Das geschah ebenfalls, kurz nachdem die Leute ihre neuen Häuser bezogen hatten. Das ist wirklich schrecklich.

    Wir wissen alle, wie teuer heutzutage Häuser sind und auch wie gefragt, neuer Wohnraum ist. Diesbezüglich ist in unserer Stadt viel passiert und ich führe das vor allem auch auf das große Engagement unseres Bürgermeisters zurück. Auf der anderen Seite stelle ich mir die Frage, wie es sein kann, dass bei Neubauten und den damit verbundenen Infrastrukturmaßnahmen die Möglichkeit von Starkregenereignissen womöglich unzureichend berücksichtigt wurde.

    Wie kann es sonst sein, dass insbesondere in den erwähnten Neubaugebieten die Folgen des Starkregens besonders krass hervorgetreten sind? Das wird sicher nicht nur mich beschäftigen! Und am kommenden Sonntag sind Kommunalwahlen. Der alte Bürgermeister will (und soll!) auch der neue sein. Jedenfalls werde ich ihn wählen. Das Unglück kommt für ihn sicher zur Unzeit, weil wohl nicht nur die betroffenen Siedlungsbewohner Fragen hinsichtlich der Verantwortung haben dürften. Ich hoffe, dass der Gegenkandidat fair bleibt und auch, dass die AfD, die das nach meinem Gefühl wenige Tage vor dem Wahltag wohl thematisieren wird, dieses Unglück nicht wie üblich ausschlachtet.

    12 Kommentare zu Diesmal ging der Kelch in Form von Starkregen nicht an uns vorbei.