Mein Vater schickte mich in den Garten, weil meine Langeweile und ich nicht wussten, wo wir uns lassen sollten. Es war gegen Ende der 1950-er Jahre. Ich war vielleicht vier, fünf Jahre alt. Die Welt war groß, aber mein Aktionsradius klein. Ich hatte in einem Schuppen einen Eimer knallgrüner Farbe entdeckt und einen für meine Größe gewaltigen Pinsel. Ich machte mich unverzüglich daran, die Wände an unserem Haus zu bepinseln. Ich war also gewissermaßen qua Neigung der erste Graffiti-Künstler oder Sprayer seiner Zeit. Papa fand das nicht gut. Aber er hatte eine Idee.
Ich sollte statt unserer Hauswand doch lieber die Rankhilfen unserer Tomaten grün anstreichen. „Beschäftigungstherapie“ oder so, hätte man das heute genannt. Er wies in Richtung Gemüsebeet in einem der beiden riesigen Gärten: „Mach das ordentlich!“
Motiviert war ich nicht. Null. Ich war der festen Überzeugung, dass das ein Job war, der allenfalls an Strafarbeit grenzte – und was konnten bitte die Tomatenpflanzen dafür? So kam es, dass nicht nur die Rankhilfen, sondern auch die zarten Pflanzen selbst ein gutes Stück Farbe abbekamen. Künstlerische Freiheit, quasi.
Doch ich war nicht allein. Zwei der Gehilfen meines Vaters werkelten in der Nähe. Und einer davon, Anton, hatte mich im Blick. Irgendwann platzte ihm der Kragen: „Konzentrier’ dich mal auf die Rankhilfen und mach die unschuldigen Pflanzen nicht kaputt!“
„Hmmm“, dachte ich. „Jetzt will der mir auch noch sagen, wie ich meine Arbeit zu machen habe?“ Ich malte weiter. Rankhilfen, Tomaten – alles wurde grün. Wär’ ja noch schöner.
Anton kam näher, seine Stimme wurde schärfer: „Hörst du jetzt, was ich sage? Wenn du nicht hören willst, dann packe den Kram zusammen und geh!“ Das war der Moment, an dem mein kindlicher Zorn explodierte.
Ich tauchte den Pinsel noch einmal richtig tief in die Farbe und – zack – warf ihn ihm an den Kopf. Der Treffer saß. Antons Gebiss, von einem satten Grünton veredelt, flog durch die Luft. Ein Bild für die Götter – oder für spätere Familienfeiern.
Doch der Triumph währte kurz. Anton war schneller, als ich dachte. Ich rannte, aber er rannte hinterher. Und dann spürte ich es: den Schlag mit dem Rechenstiel, direkt in die Beine. Ich fiel, heulte – und tat das, was kleine Jungs in solchen Momenten eben tun.
Ich lief zu meinem Vater. Schluchzend, wütend, voller Empörung: „Der hat mich geschlagen!“ Und oh ja, mein Vater wurde richtig laut. „Du hast meinen Sohn nicht zu schlagen!“ brüllte er Anton entgegen. Es flogen Worte – keine Pinsel mehr.
Ein paar Tage später war alles wieder gut. Erwachsene sind seltsam. Ich wusste damals noch nicht, wie wichtig Versöhnung sein kann. Denn Anton – genau der – spielte zu Weihnachten regelmäßig den Nikolaus. Und in diesem Alter glaubte ich noch. Fest.
Hätte er gewollt, hätte er mir die Rute gegeben. Doch er blieb freundlich. Wohl, weil sein Gebiss längst befreit von dem leichten Grünstich. Vielleicht auch, weil sogar Nikolaus mal klein angefangen hat.
Je näher der Tagebau dem Sonnenhof kam, desto mehr Ratten tauchten in unserer unmittelbaren Umgebung auf. Das Haus lag im äußeren Bereich des Grundstücks und somit dem Grubenrand am nächsten.
In einer Ecke der Waschküche befand sich eine Pumpe. Sie wurde mit einem breiten Keilriemen und einem Elektromotor betrieben. Ungefähr so sah das aus. Unser Haus war nicht an die städtische Kanalisation angeschlossen, weil das Gelände weit vom Schuss war. Am Haus befand sich eine kleine Kläranlage, die mehr oder weniger regelmäßig von einem kommunalen Entsorgungsunternehmen entleert wurde. Meiner Mutter war die Pumpe nicht geheuer. Wenn es darum ging, sie in Betrieb zu nehmen, hat sich dies immer meinem Vater überlassen.
Die Geschichte mit der Pumpe erwähne ich primär deshalb, weil wir glaubten, dass unser Besuch nur durch dieses offene „Wasserloch“ ins Haus gekommen sein konnte.
Gruselig
Eines Tages kam meine Mutter ziemlich aufgeregt aus dem Keller zurück und berichtete, sie habe dort eine Ratte gesehen. Dass wir ab und an Mäuse im Keller hatten, war nichts besonderes. Schließlich lebten wir direkt neben der Gärtnerei, die Vorräte an Leckereien gingen nie zu Ende. Zum Glück waren wir bis dahin von Ratten verschont geblieben. Das hatte sich damit schlagartig geändert. Mein Vater meldete Zweifel an. Ganz nach dem Motto: es gab bisher keine Ratte, dann wird sie sich sicher versehen haben.
Nun, er hatte die Rechnung ohne meine Mutter gemacht. Sie bestand darauf, dass er sich um die Ratte kümmerte. Er versuchte es also zuerst mit Fallen. Also, natürlich richtigen Rattenfallen. Nicht sowas hier.
Es funktionierte nicht, obwohl er es über mehrere Tage versucht hatte. Die Köder wurden zwar scheinbar angerührt aber nie aufgefressen. Daher blieb die Jagd bis dahin erfolglos. Mein Vater musste zu drastischeren Mitteln greifen. Derweil war meine Mutter nicht dazu bereit, auch nur einen Schritt in diesen Keller zu setzen.
Der Schuss
Mein Vater besaß ein Kleinkalibergewehr oder es war ein Luftgewehr. Keine Ahnung. Mit dem Kaliber konnte man sich jedenfalls einer Ratte entledigen. Er kokelte ein Stück Speck an und positionierte es mitten im Kellerflur. Alle Keller – Türen standen offen. Er musste lange warten, bis sich etwas tat. Dann erschien tatsächlich – eine Ratte. Und was für eine. Ein echte großes Teil. Mein Vater legte an und schoss. Das Mistvieh lief weg. Er konnte gerade noch sehen, in welchen der Kellerräume sie entkam. Da es schon ziemlich spät war, mochte er nicht nachsetzen und ging stattdessen erstmal schlafen.
Am nächsten Morgen kam Kurt, einer der Fabrikfahrer vom Linoleum, um irgendwas aus der Gärtnerei abzuholen. Mein Vater fragte ihn, ob er ihm mal kurz helfen könnte. Er schilderte die Geschichte und erklärte dem Mann, was er nun vor hatte. „Wir gehen in den betreffenden Kellerraum. Die Ratte muss dort sein. Weg konnte sie nicht und vielleicht hat die Kugel sie ja auch getroffen.“ Gesagt, getan.
Die beiden Männer gingen in unseren Keller und öffneten den Raum, in den das Untier sich verkrochen hatte. Kurt schloss vorsichtshalber die Tür hinter sich, damit die Ratte auch nur ja nicht das Weite suchen konnte. Es dauerte wenige Minuten und die Ratte war gefunden. Die Kugel hatte sie getroffen und das Tier war vermutlich kurze Zeit später verendet. Meine Mutter würde erleichtert sein. Der häusliche Friede konnte wieder einkehren.
Klinke
Erst jetzt bemerkten die Männer, dass sie im Kellerraum eingesperrt waren. Was Kurt nämlich vorher nicht gesehen hatte, war, dass der Raum innen über keine Türklinke verfügte. Erste Versuche, sich selbst aus dieser Misere zu befreien, scheiterten. Meine Mutter war in der Küche und erzählte später, wie irritiert sie darüber war, dass zwei erwachsene Männer bei der Jagd nach dem Nager einen solchen Lärm veranstalteten. Dabei waren es zunächst die vergeblichen Hilferufe der beiden Männer. Erst nach einer Weile begriff meine Mutter, dass da etwas nicht stimmen konnte. Also ging sie – immer noch etwas ängstlich – in den Keller. Sie verstand erst jetzt die missliche Lage der Rattenjäger.
Die Rettung
Sie ging zur Tür des Kellerraumes und befreite ihre beiden Helden aus ihrer Situation. Über diese Geschichte haben wir im Kreis der Familie und mit Freunden später noch oft herzlich gelacht.
Meine Kostümierung war ein Überbleibsel von Karneval. Mich hatten die Funkenmariechen so beeindruckt in ihren hübschen Uniformen, dass ich mit Nachdruck die Utensilien beschaffte, an die ich kommen konnte. Meine Eltern mussten ran. So kamen ich an diesen wunderschönen Hut und die Kiste mit Trageband.
Statt der Kamelle hatte ich ein paar Steine geladen und verteilte sie bei passenden und unpassenden Gelegenheiten in der Umgebung.
Meine Schwester war noch nicht auf der Welt. Aber ich wusste, es wurde ein Mädchen. Klar, dass ich ganz aus dem Häuschen war, wenn ich dran dachte, bald ein eigenes Funkenmariechen zum Spielen zu haben.
Auf die Teile der Karnevalsmontur mochte ich eine ganze Weile lang nicht verzichten. In ihr streifte ich täglich durchs Gebüsch und die Wege, die auf dem Sonnenhof zu meinem und Fredis Territorium gehörten. Das umzäunte Gelände war riesig und für uns Kinder frei von Gefahren, die woanders wegen der Straßen auch schon damals bestanden haben.
Bei anderer Gelegenheit habe ich davon erzählt, dass ich abends unsere tägliche Milch in der so genannten Milchküche abholen ging. Was ich nicht erwähnt habe, war mein Interesse an unseren Milchkühen, primär dann, wenn Nachwuchs gekommen war. Ein Herr Schwieren war für die Pflege unserer Kühe zuständig. Er hatte den Beruf oder jedenfalls die Stellung des Schweizers auf dem Sonnenhof.
Meistens ging ich von der hinteren Seite des Haupthauses in den im Seitentrakt befindlichen Stall. Im Winter waren dort die zum Betrieb gehörigen 4 oder 5 Kühe (ich weiß es nicht mehr) untergebracht. Sie standen nebeneinander und wurden morgens und abends gemolken. Wenn ich zufällig zur gleichen Zeit wie Herr Schwieren im Stall war, passierte es regelmäßig, dass er mich während des Melkens mit Milch bespritzte. Ich fand erstaunlich, wie weit die Milch direkt aus dem Euter einer Kuh spritzen kann – jedenfalls wenn der Melker ein Könner seines Fachs ist.
Im Sommer hatten sie zwei große, miteinander verbundene Weiden zur Verfügung. Immer Sommer gab es frisches Weidegras satt und im Winter gab es überwiegend Heu. Die Umstellung des Futters hatte oft erhebliche Auswirkungen auf die Verdauung der Tiere.
Davon kann ich aus eigener, leidvoller Erfahrung berichten.
Ich war also in meiner Rest-Fastelovend-Montur unterwegs und betrat den Kuhstall. In diesem Fall war meine Aufmerksamkeit rundum auf das kleine Kälbchen gerichtet, das sich gegenüber der Reihe mit den anderen Kühen in einem abgesperrten Gatter befand. In der Hand trug ich einen alten Wecker, der zwar mit Fastnacht nichts zu tun hatte, der aber in dieser Zeit ebenfalls zu meiner Abenteurer-Grundausstattung gehört hat.
Ich weiß nicht mehr, ob ich den Wecker abgestellt hatte oder ob ich ihn in der Hand behalten hatte. Jedenfalls kraulte und streichelte ich unseren kleinen Liebling eine Weile. Das für eine ganze Weile mein alltägliches Ritual. Ich meine mich zu erinnern, dass Herr Schwieren mich auf die Durchfälle aufmerksam gemacht hatte, mit denen unsere Kühe zu dieser Zeit zu kämpfen hatten. Mir fehlte allerdings die Fantasie, was man sich exakt darunter vorzustellen hatte. Das Leben ist bekanntlich der beste Lehrmeister.
Während ich mich inbrünstig, voll konzentriert dem Streichzoo im eigenen Haus zugewandt hatte, befiel eine unserer Kühe eine Attacke. Ich habe es nicht mitbekommen. Aber technisch gesehen dürfte dieser Vorgang wohl so ausgesehen haben: Sie hob ihren Schwanz und eine Fontäne von Kuhscheiße durchquerte den Raum. Leider war im Zielkreises dieses Geschehens positioniert. Meine Rückseite, mein Wecker, mein Hut – nicht zu vergessen meine komplette Rückseite war mit grüner Kuhscheiße bedeckt.
Ich war echt bedient und augenblicklich zur Heulsuse mutiert. Mein Vater hat mich ausgelacht, was die Sache nicht leichter für mich machte. Auf meine Mutter war Verlass. Sie spendete mir den Trost, den ich von meiner gesamten Umgebung erwartete. Aber wir wissen ja alle, wie selektiv Menschen mit Trost bei derartigen Gelegenheit umzugehen pflegen.
Wecker, Hut und sonstige Utensilien wurden entsorgt. Irgendwie mochte ich sie plötzlich nicht mehr so gern. Nicht, dass sie auch gereinigt und danach nicht wieder einsatzbereit gewesen wären. Aber die Erinnerung…
Schieferplatten schleppen ist ein anstrengender Job. Ich habe das nie machen müssen, aber ich kann es mir vorstellen.
Als damals der Sonnenhof abgebaggert wurde, hatte jemand Verwendung für eine Menge der Schieferplatten, die auf der Terrasse des Wohnhauses verlegt waren (siehe Foto).
Wie der Blick auf besagte Terrasse verrät, waren es Mengen solcher Schieferplatten. Ich schätze, sie hatten mindestens das Format 50 x 50 cm und waren 3 – 5 cm dick. Wenn die Abmessungen stimmen, die ich jetzt nur noch schätzen kann, würde jeder dieser Platten so 35 kg gewogen haben. Ich denke, dass ist realistisch.
Es gab eine abschüssige Auffahrt zu den Wohnhäusern, die ich als Junge auf dem Rad nur selten bewältigt habe. Ich folgte lieber dem Motto: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“. Es gab aber Ausnahmen. Wenn ich abends später nach Hause kam, lieb ich im Sattel. Aufgrund der vor mir liegenden, stockdunklen Wegstrecke, die bis zu unserem Haus rund einen Kilometer lang war, habe ich meine Kräfte zusammengerissen.
Beleuchtet war die Auffahrt nur an ihrem Anfang. Für Insider: etwa bis zur Höhe des Birkenhofs (ungefähr 300-400 m des Weges). Danach war alles stockfinster und manchmal echt unheimlich.
Nachdem die Eigentümerfamilie zum neuen Sonnenhof umgezogen war, wohnte meine Familie alleine auf dem Gelände bis wir ca. 1 1/2 Jahre später ebenfalls dort weggezogen sind. Schon einige Zeit davor hatte sich auf dem Sonnenhof viel verändert.
Nutztiere gab es nicht mehr. Die drei Gärtner, die meinen Vater bis dahin unterstützt haben, waren nicht mehr da, die kilometerlangen Wege überwucherten langsam mit Gestrüpp und das Terrain vor dem verriegelten Haupthaus wurde für uns Kinder (meine Schwester, mich und unsere Freunde) zum Abenteuerspielplatz.
Goldfische
Kinder aus dem Ort hatten davon Wind bekommen, dass es im Seerosenteich (siehe Foto) noch reichlich Goldfische gab. Meine Schwester und ich sind diesem „feigen Diebstahl“ zuvorgekommen und haben etliche der Goldfische in Sicherheit gebracht. Manche der Bassins in der Gärtnerei wurden nicht mehr gebraucht. Deshalb konnten wir sie für „unsere“ Goldfische zweckentfremden. Da die Becken überdacht waren, mussten wir ab diesem Zeitpunkt für ausreichend Nahrung sorgen. Neben den beiden Wellensittichen und dem Kaninchen noch ein paar Tiere mehr, die wir versprochen hatten, zu versorgen. Das haben wir meistens unseren Eltern überlassen. Die armen Tiere wären vielleicht verhungert, wenn sie auf uns angewiesen gewesen wären.
Schwere Schieferplatten
Absprachegemäß wurde eines Samstags ein Teil der schon erwähnten Schieferplatten abgeholt. Die Beladung des Traktoren-Anhängers dauerte ein paar Stunden. Mein Vater war dabei und half. Zwischendurch warnte er, es sollten nicht zu viele Steinplatten aufgeladen werden, die Auffahrt sei nämlich steiler, als man glauben würde. Leider wurde nicht auf ihn gehört. Ich kann mir gut vorstellen, dass die anderen keine Lust hatten, mehrfach hin- und herzufahren. Deshalb wurde dem kleinen Traktor etwas viel Gewicht zugemutet.
So nahm das Unglück seinen Lauf.
Beim ersten Stück des Weges war das Gefälle der Auffahrt noch nicht stark, erst nach etwa der Hälfte des Weges nahm es erheblich zu. Ungefähr 300 Meter, bevor die Auffahrt auf die Landstraße (Bedburg / Glesch) stieß, war auf der linken Seite ein Transformatorenhaus. Etwa gegenüber, etwas näher an der Landstraße gelegen, stand ein riesiger Strommast.
Der Fahrer des Traktors bemerkte, dass die geladene Last tatsächlich zu hoch war und die Bremsen des Traktors versagten. Er ließ sich nicht mehr stoppen und nicht mehr richtig lenken. Ich kann mir vorstellen, welche Panik in den Beteiligten aufgestiegen sein muss.
Wäre er mit dem immer schneller werdenden Gefährt über die Landstraße hinweg geschossen, hätten er und sein Beifahrer das wahrscheinlich nicht überlebt. Parallel zu Landstraße verliefen Felder. Der Versatz im Niveau der Straße zum Feld betrug vielleicht um die 30 cm. Dieser Höhenunterschied hätte wohl dazu geführt, dass Traktor und Anhänger nach dem unkontrollierten Überfahren der Landstraße so ineinander verkeilt wären, dass die Folgen schrecklich gewesen wären.
Ich weiß nicht, ob sich der Fahrer solche Gedanken gemacht hat. Jedenfalls hat er wohl bewusst entschieden, dass es besser sei, den Traktor gegen den großen Strommast zu fahren, um die letzte Chance zu nutzen, das Gefährt vor einem unkontrollierten Überqueren der Straße zum Stehen zu bringen. Ein Risiko bestand zusätzlich darin, dass die Landstraße von anderen befahren wurde und die Auffahrt überhaupt nicht einzusehen war.
Stromausfall
Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass die Stromleitungen vom Mast abrissen. Die Leitungen knallten auf die Erde und verwandelten alles rundherum in ein gewaltiges Meer aus Funken und Blitzen. Wie durch ein Wunder wurde keiner verletzt. Mein Vater kam nach Hause gelaufen. Er war weiß wie die Wand und total geschockt. Er rief die Polizei an und erklärte kurz, was passiert war.
Nachher stellte sich heraus, dass der Strom im ganzen Stadtgebiet ausgefallen war. Wenn ich mich richtig erinnere, waren sogar Teile von Bergheim davon betroffen.
Ich weiß nicht mehr, ob der Unfall für die Verantwortlichen zu Konsequenzen geführt hat. Wahrscheinlich war das so. Der Stromausfall dauerte mehrere Stunden – und das samstags mittags.
Was wohl heute los wäre, wenn etwas Derartiges passieren würde? Die Auswirkung, die der Unfall für mich als Jungen hatte, war, dass ich eine spannende Geschichte von meinem Vater erzählt bekam und der Fernseher am Nachmittag nicht lief.
Der Sonnenhof hatte für uns Kinder etwas Paradiesisches. Meine Schwester wurde dort geboren. Ich bin fünf Jahre älter als sie und war etwa 3 Jahre alt als wir dorthin gezogen sind.
Mein Vater war 29 Jahre alt als er aus 5jähriger russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrte. 1939 war er einberufen worden und erst 1949 nach Hause zurückgekehrt. Ich denke, wie viele in dieser Lage, hat er versucht, wenigstens ein Fitzelchen der durch den Krieg verlorenen zehn Lebensjahre nach- oder aufzuholen.
Meine Mutter und er lernten sich im Sommer in der „Badeanstalt“ unseres Städtchens kennen. Meine Mutter erzählt heute noch, dass sie von seinen wunderbaren weißen und makellosen Zähnen begeistert gewesen wäre. Ich glaube ja, ein bisschen mehr wird es wohl gewesen sein. Schließlich hat ihre Ehe über fünfzig Jahre gedauert.
Meine Mutter war 19 Jahre alt als sie meinen Vater kennenlernte. Sie kümmerte sich als Älteste ganz allein um ihren Bruder und ihre kleine Schwester. Die drei Geschwister waren schon seit einigen Jahren Vollwaisen. Mein Vater nahm gewissermaßen die väterliche Rolle ein.
Als gelernter Gärtner bekam er eine entsprechende Stelle auf dem Sonnenhof. Seine Aufgabe bestand in der gärtnerischen Pflege eines, jedenfalls für heutige Verhältnisse, sehr großen Privatbesitzes. Dieser gehörte einem der Industriellen, die es damals noch in unserer Stadt gegeben hat. Neben seinem Chef gab es außer meinem Vater in der Gärtnerei noch drei Kollegen – alle ebenfalls Gärtner.
Als Mitte der 50er-Jahre der Chef meines Vaters verstarb, trat er dessen Nachfolge an.
Damit war unser Umzug auf den Sonnenhof in ein „eigenes“ Haus beschlossene Sache. Übrigens, ein Haus mit Zentralheizung und Badezimmer. Ich war damals noch zu klein, um mich an diese geradezu luxuriösen Veränderungen für unsere Familie erinnern zu können. Anfang der 1970er, der Sonnenhof musste dem Rheinbraun – Tagebau weichen, zogen wir in eine Mietwohnung in Blerichen. Dort gab es keine Heizung. Den Unterschied habe ich damals kennengelernt. War nicht schön. Man gewöhnt sich halt leichter an positive Veränderungen 🙂
Bilder vom alten Sonnenhof:
Wir wohnten gleich neben der Gärtnerei, zwei riesige Gärten lagen keinen Steinwurf von unserem Wohnhaus entfernt. Die Familie Holtkott, die Besitzer des Anwesens, führten neben den RLB Werken in Bedburg u.a. noch ein mittelgroßes Hotel in Köln auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring. Dafür wurden unzählige Blumen, Gemüse und eben alles Mögliche gebraucht.
(Luftaufnahme Sonnenhof. Das ist das Hauptgebäude. Um dieses herum erstreckte sich ein Waldgebiet mit zwei große Gärten und einige Kilometer Wanderwege.)
Meiner Schwester und mir mangelt es nicht an wunderbaren Erinnerungen an eine richtig schöne Kindheit. Unsere Freunde, die den Sonnenhof kennengelernt haben, teilen bis heute unsere Begeisterung.
Ich möchte eine Geschichte erzählen, die passiert ist, als ich ungefähr fünf Jahre alt war. Also zu einer Zeit, als meine Schwester noch nicht geboren war. Ich erinnere mich noch ziemlich genau.
Auf dem Gelände des Sonnenhofs gab es einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, einen Tennisplatz, ein Schwimmbecken, einen Seerosenteich und zwei große Weiden für Kühe. Ich glaube, es waren 5 oder 6. Schweine und Hühner gab es auch. Für die Pflege der Kühe war ein so genannter „Schweizer“ zuständig.
Jeden Abend gab es für uns einen Liter frische Milch. Diese wurde nach dem Melken in der so genannten Milchküche (siehe Bildbeschreibung in der Foto-Galerie) bearbeitet, so dass sie danach nur noch abgekocht werden musste. Meine Aufgabe war es, unseren Liter Milch abends abzuholen und in unsere Küche zu bringen.
Eines Abends, draußen war es schon fast dunkel, wollte mein Vater die gerade von mir abgelieferte Milch kochen. Meine Mutter war noch zum Einkauf in Bedburg. Übrigens hatten wir nie ein Auto. Deshalb wurden die wöchentlichen Einkäufe grundsätzlich zu Fuß oder mit dem Rad erledigt.
Bedburg lag ca. 3 bis 4 km (?) vom Sonnenhof entfernt, genauer gesagt von unserem Haus. Das war eine der Schattenseiten unserer ansonsten privilegierten Wohnlage. Zur Bedburger Schule war es ein langer Weg, auch mit Rad. Im Winter lag leider schon damals nicht so häufig Schnee, dass ich oft in die Verlegenheit gekommen wäre, meine geliebten Gleitschuhe anzulegen. Was hat das für einen Spaß gemacht, wenn man mit diesen Dingern auf noch unberührten weißen Wegen unterwegs war! Sogar dann, wenn es in die Schule ging.
Unsere Küche war groß. Neben dem Kohleofen gab es noch einen Elektroherd, einen Tisch mit vier Stühlen und eine große Couch. In der Ecke stand ein altes Radio, das ständig lief. Ein Kühlschrank fehlte damals noch. Zum Kühlen diente der Keller. Es gab ein mit Fliegendraht abgetrenntes Schränkchen. Das war’s.
Der Lichtschalter in der Küche bestand in einer Quaste, den ich (später) gern als einen Hauch von Luxus bezeichnet habe. Das Ding insgesamt kann man sich ungefähr so vorstellen.
Mein Vater stand am Herd und war dabei die Milch abzukochen. Ich hatte Langeweile. Große Langeweile. Ich wedelte ein bisschen mit der Quaste (dem Lichtschalter) und ließ ihn kreuz und quer, hin und her pendeln. Mein Vater bekam das mit und ermahnte mich, jetzt bloß nicht das Licht auszuschalten. „Die Milch kocht gleich!“
Gute Idee, dachte ich. Ich wartete, bis die Milch aufkochte und mein Vater Anstalten machte, mit den zwei Topflappen den heißen Milchtopf vorsichtig vom Herd zu nehmen. In diesem Moment…
Klick. Licht aus. Es war (inzwischen) stockfinster. Ein Schrei, Wut. Hooooorst.
Die Operation war also gelungen, und ich war deshalb schon eiligst unterwegs nach draußen. Ich durchquerte schnell den langen mit einem „Teppich“ aus bedruckter Teerpappe (Feltbase war damals in) ausgelegten Flur. Gleich vor unserem Haus stand eine Hecke (s. Foto). Sie umgab beinahe die gesamte Front der Gärtnerei und stellte für mich als damals Fünfjährigen noch ein Hindernis dar. Mein Vater und ich spielten zwischendurch gern mal Olympiade. Eine der Disziplinen war das Überspringen dieser Hecke. Würde mir das ausgerechnet heute in dieser Notlage zum ersten Mal gelingen?
Es war dringend nötig, denn mein Vater war bereits kurz hinter mir. Ich nahm Anlauf und … Mist! Ich blieb hängen und fiel fast aufs Gesicht. Das war nicht weiter schlimm, aber der Sturz raubte mir den Vorteil. Mein Vater hatte mich am Schlafittchen.
Ich erinnere mich nicht daran, wie die anschließende Standpauke ausfiel. Schlagen war kein Erziehungsmittel meiner Eltern. Ich weiß noch, dass es später vier-, vielleicht fünfmal Situationen gab, in denen mein Vater die Beherrschung verlor und mir eine geklatscht hat. Das war später.
Im 1. Schuljahr von einem Lehrer eine Ohrfeige bekommen, weil ich nicht aufgepasst hatte. Damals (Anfang der 60er Jahre) war das noch ganz normal. Nicht für meinen Vater. Er fuhr – mit dem Rad – zur Schule und hat dem Lehrer die Meinung gesagt. So war das. Dieser Lehrer und ich sind keine Freunde geworden. Als er sich, ich war schon in der 4. Klasse, den Arm brach, lernte ich im Blitzverfahren, wie sich Schadenfreude anfühlt.
Die Geschichte geht noch weiter: Nachdem Papa mich also gestellt hatte, folgte die Ansage: „Ab ins Bett!“
Wenig später kam meine Mutter nach Hause und fragte sofort: „Wo ist der Jong?“ „Im Bett!“ antwortete Papa ein wenig zu harsch. „Wie im Bett, was ist denn passiert?“. Ich erinnere mich daran, dass ich Spaß hatte, dass die beiden jetzt Knatsch hatten. Schlimmes Kind!