Kategorie: Privat

  • Wie Heimat zur Wasserfläche wird

    Mit Veränderungen klarzukommen, fällt nicht jedem zu jeder Zeit leicht. Manche behaupten auch, keine Überraschungen zu mögen. Das fällt vielleicht in die gleiche Kategorie. Diejenigen unter uns, die diese Sicht auf die Dinge teilen, dürften im Moment zu den Menschen zählen, die ganz besonders diesen Druck spüren, den ihnen Typen wie Putin, Trump oder Netanjahu durch ihr kriegerisches, barbarisches und egoistisches Handeln aufbürden.

    Als ob es nicht schon genug Veränderungen gäbe, mit denen man im Lauf des Lebens irgendwie versuchen muss, klarzukommen. So viele Menschen haben wir verloren. Es bleiben zwar Erinnerungen, aber ihr Aussehen, ihre Stimmen, ihre Eigenarten verblassen. Wohl dem, der fotografiert und gefilmt und so die Chance genutzt hat, Schnappschüsse von seinen wichtigsten Menschen zu machen.

    Ich habe hier schon oft davon geschwärmt, wie behütet meine Kindheit war. Es fällt mir immer schwer, dafür die richtigen Worte zu finden. Worte der Dankbarkeit, die ich ein wenig zu selten an meine Eltern gerichtet habe. Von dieser Zeit sind ein paar Fotos geblieben. An die Szenen erinnere ich mich, wenn überhaupt, nur noch ganz schwach. Die Bilder in meinem Kopf sind verblasst, die Fotos helfen der Erinnerung möglicherweise auf die Sprünge, aber sie suggerieren am Ende auch Gefühle, die mit den damaligen realen Verhältnissen gar nicht in Einklang zu bringen sind.

    Es wäre schön, wenn ich die goldenen Gefilde meiner Kindheit nur noch einmal besuchen könnte. Rheinbraun hat ganze Arbeit geleistet, zugunsten unserer Energieversorgung und tausender Arbeitsplätze. Auch die Rekultivierungsleistungen waren nicht nur teuer, sondern auch erfolgreich. Ich nutze die Möglichkeiten, die unsere Naherholungsgebiete heute bieten, häufig und gern. Einen Teil des Bodens, auf dem meine Kindheit wurzelte, nennt man heute Peringsmaar. Keine menschliche Vorstellungskraft dürfte ausreichen, um am Seeufer stehend die nötige Fantasie dafür aufzubringen. Dabei erinnere ich die Details des Terrains so gut, dass mir die Lage von Ställen, Wiesen und so mancher anderer Ecke noch immer bildlich vor Augen steht.

    Dieses Foto zeigt das Schloss Bedburg. Links mit Anbau und Kapelle, rechts seht ihr, wie das Schloss nach dem Abbruch dieses Teiles aussieht. Immerhin ist es noch da, auch wenn es mich immer noch schmerzt. Man sieht sozusagen, wenn man genauer hinschaut, die von mir beinahe als schmerzhaft empfundene Abbruchkante am noch stehenden Teil.

  • Die Kosten des Abschieds: Ein Blick auf Bestattungskultur und Friedhofspflege

    »Nichts im Leben ist umsonst, nur der Tod – und der kostet das Leben.« Diesen Spruch kennen immer noch viele, nur stimmen tut er längst nicht mehr. Das Bonmot soll aus dem 19. Jahrhundert stammen. Ob er denn je zutreffend gewesen ist?

    Wenn Angehörige sterben und wir uns, trotz allem Kummer, um die Bestattung kümmern müssen, stehen uns heutzutage Bestattungsunternehmen zur Seite. Nach eigenen Erfahrungen machen diese Menschen das sehr professionell und oft mit großer Hingabe. Es gehen mit dem Abschied gewöhnlich hohe Kosten einher. Das weiß jeder und viele Menschen legen deshalb für ihre eigene Beerdigung Geld zurück. Das zählt wohl zu dem, was man als älterer Mensch „zu regeln“ hat.

    Sollten keine Angehörigen vorhanden sein, die diese Kosten übernehmen, kümmert sich die Gemeinde um die Bestattung dieser Menschen. Ich denke, dass das konkrete Verfahren, vor allem, wenn man den Betroffenen kannte, nicht nur positive Gefühl weckt. Wir hatten in unserem Bekanntenkreis kürzlich einen solchen Fall.

    Geht man nach einer Weile auf den Friedhof (sofern der Mensch überhaupt auf einem beerdigt wurde, denn heutzutage gibt es schließlich alle möglichen Alternativen), erkennt man die Einsamkeit dieses Menschen womöglich an der vollkommen abwesenden Grabpflege wieder. Solche Gräber wirken traurig, verlassen. Dass das auf Friedhöfen auch unter anderen Umständen oft der Fall ist, ist leider wahr.

    Ich erinnere mich, dass wir als Kinder mit den Eltern und Geschwistern meiner Mutter und deren Familien jedes Jahr an Allerheiligen auf unseren großen städtischen Friedhof gingen, um dort die Gräber der Familien zu besuchen. Das Ritual war für uns Kinder mitunter ein lästiges. Aber wir fügen uns. Ich trug, weil es an diesem Tag häufig schon ziemlich kalt war, eine mir von meiner Mutter verordnete Kappe mit Ohrschützern. Ich hasste dieses Teil. Mit Hüten, Mützen und dergleichen habe ich es bis heute nicht. Manchmal war ich allerdings froh, sie auf dem Kopf zu haben, was ich nie zugegeben hätte.

    Als dieser wirklich schöne Friedhof dem Braunkohletagebau weichen musste, hatte mein Vater als Leiter der Gartenkolonne der Stadt die Aufgabe, mit seinen Leuten die Toten von einem zu einem anderen, neuen Friedhof umzubetten. Aus diesem Anlass wurden die Gebeine der Verwandten meiner Eltern in ein Grab gelegt. Ich weiß nicht, ob die Kosten für diese Verlegung so vieler Gräber, also dem gesamten Friedhof, damals von der Stadt getragen wurden oder ob sich Rheinbraun beteiligt hat. Es gab auf dem neuen Friedhof also nur noch ein Familiengrab für beide Familien.

    Ich weiß nicht mehr, wie hoch die Kosten für ein Grab damals waren. Heute wählen viele Menschen eine Urnenbestattung. Die Gräber sind kostengünstiger als Sarggräber. Überdies gibt es eine ziemlich große Auswahl an Bestattungsmöglichkeiten. Die Grabstätte wird (hier) für 25 Jahre gemietet. Solange dauert die sogenannte Ruhezeit. Man kann auch früher einen Antrag auf „Einebnung“ stellen.

    Mir fällt schon seit Jahren auf, dass die so freigegebenen Grabplätze nicht mehr genutzt werden. Viele Stellen auf den diversen Friedhöfen (natürlich auch außerhalb meiner Heimatstadt) bleiben leer. Man könnte diese Beobachtung leicht fehlinterpretieren. Sterben weniger Leute? Natürlich liegt das an den vielen verschiedenen Möglichkeiten, Menschen zu beerdigen. Viele wählen die deutlich kleineren Urnengräber oder andere Möglichkeiten. Die Grabplätze liegen in Stelen, in Friedwäldern, in anonymen Gräbern etc.

    Es gibt Kulturen, in denen die Gräber ewig bestehen bleiben. Im Judentum ist das so. Man wird darüber unterschiedlich denken, den meisten wird das egal sein, denke ich. Ich halte es für gut, wenn man einen Platz hat, an dem man Angehörige besuchen kann.

    Das zu Beginn erwähnte Familiengrab gibt es längst nicht mehr, die Grabstätten meines Schwiegervaters und meines Onkels (sie starben 1985 und 1986) ebenfalls nicht. Wenn wir heute die jeweiligen Friedhöfe besuchen, wissen wir, wo die Gräber einst waren. Es sind heute leere Grasflächen. Das Gras wuchert, die Friedhofspflege ist aber ein anderes Thema. Auch dafür haben die Städte weder Finanzmittel noch Personal.

    Gestern kam ich auf einem Friedhof an einer etwas abseits gelegenen Stelle vorbei. Dabei ist das Beitragsfoto entstanden. Ich empfand das als ein trauriges Bild. Und das, obwohl ich schon auf dem Friedhof war.