Kategorie: Bedburg

  • Den Strukturwandel bewältigen?

    Wer kein Eigenheim besitzt, kann kommunalen Planungen entspannter entgegensehen. Mieterinteressen haben naturgemäß weniger Gewicht bei etwaigen Anhörungen als jene von Eigentümern. Einschränkungen der Wohnqualität sind schließlich nichts im Vergleich zu möglichen Wertverlusten eigener Immobilien.

    Als damals (1995) der Bau eines größeren Wohnhauskomplexes unsere Sicht auf den Park verbaute, waren meine Frau und ich wenig erfreut. Nur wen interessierte das schon? Wir empfanden es damals als großes Glück, eine so schöne Mietwohnung gefunden zu haben. Auch Mitte der 90er Jahre gab es in unserer Region große Probleme, eine Wohnung zu finden.

    Die hiesigen Kommunen sind vom erst noch bevorstehenden Strukturwandel voll betroffen. Wenn die Grünen an die Macht kommen, ist nicht auszuschließen, dass der Kohleausstieg vor 2038 stattfindet. Umso mehr als das neuste Urteil des Bundesverfassungsgerichtes das Terrain für neue Verhandlungen weit geöffnet hat. Auch insofern ist bei dem Thema Eile geboten. Jedenfalls können sich die Verantwortlichen mit ihren Planungen nicht zu viel Zeit lassen. Unser SPD-Bürgermeister ist ein emsiger Mann, der nicht nur auf diesem Feld äußerst aktiv ist. Wir finden, er macht seine Sache richtig gut.

    Ob andere BürgerInnen der Stadt das auch so sehen? Ich glaube schon, denn seine gut frequentierte Facebook-Seite lässt daran wenig Zweifel. Er informiert sehr regelmäßig über die Inzidenzen im Stadtgebiet und erklärt insbesondere bei diesem Thema sehr zuverlässig und regelmäßig. Kurz: Er kümmert sich!

    Neben insgesamt 3 großen Quartierprojekten, die momentan im Stadtgebiet laufen, soll nun im Westen der Stadt ein neues Gewerbegebiet entstehen. Heute lese ich, dass sich deswegen in der Stadt eine Protestbewegung gebildet hat. 600 BürgerInnen (aus verschiedenen Ortsteilen) haben sich diesem Protest angeschlossen, eine Petition wurde begleitend gestartet.

    Wie aus den Unterlagen der Bezirksregierung Köln zu entnehmen ist, sei abweichend vom allgemeinen Sprachgebrauch der Stadt dort kein Gewerbegebiet, sondern mit der Bezeichnung „GIBPlus“ ein vorrangiges Industriegebiet auf der 750.000 Quadratmeter großen Fläche geplant. Dies sei für die Bewohner der in unmittelbarer Nähe liegenden Ortschaften eine unzumutbare Belastung. Der Vorwurf: „Wie kann man ernsthaft ein neues Industriegebiet in dieser Größe mit einem 24/7-Tages- und Nachtbetrieb bei einer minimalen Distanzfläche von nur circa 250 Metern zur Wohnbebauung in Kaster und Königshoven planen, wenn schon bei Windrädern eine Distanz von mindestens 1000 Metern gefordert wird?“

    Bedburg: Protest formiert sich: 600 Bürger wenden sich gegen Gewerbegebiet | rheinische-anzeigenblaetter.de

    Ich verstehe die Leute, die das Projekt kritisch sehen. Andererseits ist das nur typisch für das, was in unserem Land abläuft. Es ist, finde ich, nur noch eine Frage der Zeit, bis die Versäumnisse im Ausbau und in der Pflege der Infrastruktur auch für die letzten BürgerInnen unübersehbar werden. Dann könnte es allerdings zu spät sein, um noch wirksam die vielen Fehlentwicklungen zu beheben. Aber wir haben ja die Politik, der wir all diese Versäumnisse, die nur noch mit einem krass überdrehten Individualismus zu erklären sind, in die Schuhe schieben können. Von diesen Möglichkeiten machen wir zu gern Gebrauch. Unsere eigene Verantwortung für das Ganze schieben wir beiseite.

    Zum Glück gibt es da noch die Gerichte, die je nach eigenem Gusto oder politischer Gesinnung der RichterInnen ihrerseits Einfluss auf derartige Entscheidungen nehmen. Dass RichterInnen keineswegs neutral, sondern oftmals auch sehr parteiisch handeln, fällt mir immer häufiger unangenehm auf. Dass sich Politiker auf der anderen Seite darauf zu verlassen scheinen, dass ihre juristisch-handwerklichen Mängelarbeiten von eben solchen Richtern korrigiert werden, macht mich auch nicht glücklicher.

    Allein, wenn ich Bundestagsvize Kubicki mit seinem Juristen-Palaver über die Maßnahmen gegen die Pandemie in etlichen Talkshows der Republik daher schwadronieren höre, packt mich das nackte Entsetzen. Juristen beklagen sich allgemein gern darüber, dass in der Pandemie lediglich Virologen oder Epidemiologen „gehört“ würden. Dabei ist die deutsche Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) von Beginn an in alle Beratungen eingeschaltet gewesen (übrigens auch durch ihre Mitglieder in den verschiedenen Ebenen der Landespolitik). Dort gibt es Vertreter aller wissenschaftlicher Disziplinen.


    Mich bringt es auf die Palme, dass Greenpeace und FFF beim Bundesverfassungsgericht mit ihrer Beschwerde zum Inhalt des Klimaschutzgesetzes durchgedrungen sind. Vor allem deshalb, weil der Eindruck einer von Mängeln behafteten Arbeit der Bundesregierung bestätigt wird und Vertreter beider Parteien (Altmaier, CDU und Scholz, SPD) die Gerichtsentscheidung absurderweise als Bestätigung ihrer Politik zu verkaufen suchen.

    Es ist wie bei vielen anderen Themen. Politik lässt es, vermutlich aus Angst vor den Reaktionen der WählerInnen, bewusst an Weitsicht fehlen. Dabei sollten die Verantwortlichen durch zahllose andere Beispiele unter den damit verbundenen Schmerzen längst begriffen haben, dass Gerichte, sobald sie deshalb angerufen werden, unzulängliche Gesetze zurückweisen. Dass dies immer mit einem Schaden für unsere Demokratie verbunden ist, scheint diese Flitzpiepen schlicht nicht zu interessieren.

    Dass sich die Grünen nun berufen fühlen, die Gelegenheit zu ergreifen und an den Korrekturen des Gesetzes nach Kräften mitzuwirken, finde ich fast beunruhigend. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich das anhand der Stimmungslage im Land genauso darstellen dürfte. Die anderen Parteien drucksen (AfD ausgenommen) bloß herum. Sie reden davon, dass das Urteil eine Chance sei, die man unbedingt nutzen müsse.

    Wenn ich die Entscheidung des Verfassungsgerichtes richtig verstanden habe, fehlen dem Gericht genaue Angaben zu den Maßnahmen von 2030 bis 2050. Ihm war es nicht genug, per Gesetz lediglich mit einem strategischen Vorhaben abgespeist worden zu sein. Aber wie man darauf kommen kann, dass dieses Defizit unter freundlicher Mithilfe des Verfassungsgerichtes ausgeglichen werden könnte, erschließt sich mir nicht. Oder ist die Einlassung der Vertreter der Kläger anders zu verstehen?

    Diese erlaubten es verfassungsrechtlich jedoch nicht, die physischen Grundlagen menschlicher Existenz aufs Spiel zu setzen und damit auch die Demokratie zu untergraben. Genau das drohe jedoch, wenn die Klimapolitik unambitioniert bleibe.

    Klimaschutzgesetz: Die Entscheidung entzweit die Koalition

    Verweist man politische Entscheidungen künftig am besten nicht immer gleich ans Verfassungsgericht, sodass die noch mal drüber gucken können? Wäre das eine Option über die wir uns auch unter demokratietheoretischen Aspekten freuen dürfen?

    Wenn ein Ökonom als Reaktion auf das Urteil feststellt, dass die Entscheidung des Verfassungsgerichtes nahelegen würde, dass Deutschland allein maßgeblichen Einfluss auf die Reduktion der globalen Temperaturen hätte, darf man mit dem Kopf schütteln, oder? Vielleicht wären unilaterale Selbstverpflichtungen sogar kontraproduktiv, fragte er. Erfolgversprechend seien nur konzertierte Maßnahmen auf multinationaler Ebene. Davon sind wir leider weit entfernt, trotz Biden.

    Der BDI fordert, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel (auch die Festlegung irgendwelcher Grenzwerte) weder von Ministerien noch von Gerichten festgelegt werden dürften. Vielmehr sei dies die Aufgabe der Legislative. „Der Industrieverband BDI verlangte nach dem Urteil, die Politik müsse die langfristigen CO2-Ziele nun auf parlamentarischem Wege festlegen.“ (Quelle: FAZ)

  • Sonnenhof: Mit der Ratte gefangen im engen Kelleraum

    Je näher der Tagebau dem Sonnenhof kam, desto mehr Ratten tauchten in unserer unmittelbaren Umgebung auf. Das Haus lag im äußeren Bereich des Grundstücks und somit dem Grubenrand am nächsten.

    In einer Ecke der Waschküche befand sich eine Pumpe. Sie wurde mit einem breiten Keilriemen und einem Elektromotor betrieben. Ungefähr so sah das aus. Unser Haus war nicht an die städtische Kanalisation angeschlossen, weil das Gelände weit vom Schuss war. Am Haus befand sich eine kleine Kläranlage, die mehr oder weniger regelmäßig von einem kommunalen Entsorgungsunternehmen entleert wurde. Meiner Mutter war die Pumpe nicht geheuer. Wenn es darum ging, sie in Betrieb zu nehmen, hat sich dies immer meinem Vater überlassen.

    Die Geschichte mit der Pumpe erwähne ich primär deshalb, weil wir glaubten, dass unser Besuch nur durch dieses offene „Wasserloch“ ins Haus gekommen sein konnte.

    Gruselig

    Eines Tages kam meine Mutter ziemlich aufgeregt aus dem Keller zurück und berichtete, sie habe dort eine Ratte gesehen. Dass wir ab und an Mäuse im Keller hatten, war nichts besonderes. Schließlich lebten wir direkt neben der Gärtnerei, die Vorräte an Leckereien gingen nie zu Ende. Zum Glück waren wir bis dahin von Ratten verschont geblieben. Das hatte sich damit schlagartig geändert. Mein Vater meldete Zweifel an. Ganz nach dem Motto: es gab bisher keine Ratte, dann wird sie sich sicher versehen haben.

    Nun, er hatte die Rechnung ohne meine Mutter gemacht. Sie bestand darauf, dass er sich um die Ratte kümmerte. Er versuchte es also zuerst mit Fallen. Also, natürlich richtigen Rattenfallen. Nicht sowas hier.

    Es funktionierte nicht, obwohl er es über mehrere Tage versucht hatte. Die Köder wurden zwar scheinbar angerührt aber nie aufgefressen. Daher blieb die Jagd bis dahin erfolglos. Mein Vater musste zu drastischeren Mitteln greifen. Derweil war meine Mutter nicht dazu bereit, auch nur einen Schritt in diesen Keller zu setzen.

    Der Schuss

    Mein Vater besaß ein Kleinkalibergewehr oder es war ein Luftgewehr. Keine Ahnung. Mit dem Kaliber konnte man sich jedenfalls einer Ratte entledigen. Er kokelte ein Stück Speck an und positionierte es mitten im Kellerflur. Alle Keller – Türen standen offen. Er musste lange warten, bis sich etwas tat. Dann erschien tatsächlich – eine Ratte. Und was für eine. Ein echte großes Teil. Mein Vater legte an und schoss. Das Mistvieh lief weg. Er konnte gerade noch sehen, in welchen der Kellerräume sie entkam. Da es schon ziemlich spät war, mochte er nicht nachsetzen und ging stattdessen erstmal schlafen.

    Am nächsten Morgen kam Kurt, einer der Fabrikfahrer vom Linoleum, um irgendwas aus der Gärtnerei abzuholen. Mein Vater fragte ihn, ob er ihm mal kurz helfen könnte. Er schilderte die Geschichte und erklärte dem Mann, was er nun vor hatte. „Wir gehen in den betreffenden Kellerraum. Die Ratte muss dort sein. Weg konnte sie nicht und vielleicht hat die Kugel sie ja auch getroffen.“  Gesagt, getan.

    Die beiden Männer gingen in unseren Keller und öffneten den Raum, in den das Untier sich verkrochen hatte. Kurt schloss vorsichtshalber die Tür hinter sich, damit die Ratte auch nur ja nicht das Weite suchen konnte. Es dauerte wenige Minuten und die Ratte war gefunden. Die Kugel hatte sie getroffen und das Tier war vermutlich kurze Zeit später verendet. Meine Mutter würde erleichtert sein. Der häusliche Friede konnte wieder einkehren.

    Klinke

    Erst jetzt bemerkten die Männer, dass sie im Kellerraum eingesperrt waren. Was Kurt nämlich vorher nicht gesehen hatte, war, dass der Raum innen über keine Türklinke verfügte. Erste Versuche, sich selbst aus dieser Misere zu befreien, scheiterten. Meine Mutter war in der Küche und erzählte später, wie irritiert sie darüber war, dass zwei erwachsene Männer bei der Jagd nach dem Nager einen solchen Lärm veranstalteten. Dabei waren es zunächst die vergeblichen Hilferufe der beiden Männer. Erst nach einer Weile begriff meine Mutter, dass da etwas nicht stimmen konnte. Also ging sie – immer noch etwas ängstlich – in den Keller. Sie verstand erst jetzt die missliche Lage der Rattenjäger.

    Die Rettung

    Sie ging zur Tür des Kellerraumes und befreite ihre beiden Helden aus ihrer Situation. Über diese Geschichte haben wir im Kreis der Familie und mit Freunden später noch oft herzlich gelacht.

  • Angriff der Milchkühe

    Meine Kostümierung war ein Überbleibsel von Karneval. Mich hatten die Funkenmariechen so beeindruckt in ihren hübschen Uniformen, dass ich mit Nachdruck die Utensilien beschaffte, an die ich kommen konnte. Meine Eltern mussten ran. So kamen ich an diesen wunderschönen Hut und die Kiste mit Trageband.

    Statt der Kamelle hatte ich ein paar Steine geladen und verteilte sie bei passenden und unpassenden Gelegenheiten in der Umgebung.

    Meine Schwester war noch nicht auf der Welt. Aber ich wusste, es wurde ein Mädchen. Klar, dass ich ganz aus dem Häuschen war, wenn ich dran dachte, bald ein eigenes Funkenmariechen zum Spielen zu haben.

    Auf die Teile der Karnevalsmontur mochte ich eine ganze Weile lang nicht verzichten. In ihr streifte ich täglich durchs Gebüsch und die Wege, die auf dem Sonnenhof zu meinem und Fredis Territorium gehörten. Das umzäunte Gelände war riesig und für uns Kinder frei von Gefahren, die woanders wegen der Straßen auch schon damals bestanden haben.

    Bei anderer Gelegenheit habe ich davon erzählt, dass ich abends unsere tägliche Milch in der so genannten Milchküche abholen ging. Was ich nicht erwähnt habe, war mein Interesse an unseren Milchkühen, primär dann, wenn Nachwuchs gekommen war. Ein Herr Schwieren war für die Pflege unserer Kühe zuständig. Er hatte den Beruf oder jedenfalls die Stellung des Schweizers auf dem Sonnenhof.

    Meistens ging ich von der hinteren Seite des Haupthauses in den im Seitentrakt befindlichen Stall. Im Winter waren dort die zum Betrieb gehörigen 4 oder 5 Kühe (ich weiß es nicht mehr) untergebracht. Sie standen nebeneinander und wurden morgens und abends gemolken. Wenn ich zufällig zur gleichen Zeit wie Herr Schwieren im Stall war, passierte es regelmäßig, dass er mich während des Melkens mit Milch bespritzte. Ich fand erstaunlich, wie weit die Milch direkt aus dem Euter einer Kuh spritzen kann – jedenfalls wenn der Melker ein Könner seines Fachs ist.

    Im Sommer hatten sie zwei große, miteinander verbundene Weiden zur Verfügung. Immer Sommer gab es frisches Weidegras satt und im Winter gab es überwiegend Heu. Die Umstellung des Futters hatte oft erhebliche Auswirkungen auf die Verdauung der Tiere.

    Davon kann ich aus eigener, leidvoller Erfahrung berichten.

    Ich war also in meiner Rest-Fastelovend-Montur unterwegs und betrat den Kuhstall. In diesem Fall war meine Aufmerksamkeit rundum auf das kleine Kälbchen gerichtet, das sich gegenüber der Reihe mit den anderen Kühen in einem abgesperrten Gatter befand. In der Hand trug ich einen alten Wecker, der zwar mit Fastnacht nichts zu tun hatte, der aber in dieser Zeit ebenfalls zu meiner Abenteurer-Grundausstattung gehört hat.

    Ich weiß nicht mehr, ob ich den Wecker abgestellt hatte oder ob ich ihn in der Hand behalten hatte. Jedenfalls kraulte und streichelte ich unseren kleinen Liebling eine Weile. Das für eine ganze Weile mein alltägliches Ritual. Ich meine mich zu erinnern, dass Herr Schwieren mich auf die Durchfälle aufmerksam gemacht hatte, mit denen unsere Kühe zu dieser Zeit zu kämpfen hatten. Mir fehlte allerdings die Fantasie, was man sich exakt darunter vorzustellen hatte. Das Leben ist bekanntlich der beste Lehrmeister.

    Während ich mich inbrünstig, voll konzentriert dem Streichzoo im eigenen Haus zugewandt hatte, befiel eine unserer Kühe eine Attacke. Ich habe es nicht mitbekommen. Aber technisch gesehen dürfte dieser Vorgang wohl so ausgesehen haben: Sie hob ihren Schwanz und eine Fontäne von Kuhscheiße durchquerte den Raum. Leider war im Zielkreises dieses Geschehens positioniert. Meine Rückseite, mein Wecker, mein Hut – nicht zu vergessen meine komplette Rückseite war mit grüner Kuhscheiße bedeckt.

    Ich war echt bedient und augenblicklich zur Heulsuse mutiert. Mein Vater hat mich ausgelacht, was die Sache nicht leichter für mich machte. Auf meine Mutter war Verlass. Sie spendete mir den Trost, den ich von meiner gesamten Umgebung erwartete. Aber wir wissen ja alle, wie selektiv Menschen mit Trost bei derartigen Gelegenheit umzugehen pflegen.

    Wecker, Hut und sonstige Utensilien wurden entsorgt. Irgendwie mochte ich sie plötzlich nicht mehr so gern. Nicht, dass sie auch gereinigt und danach nicht wieder einsatzbereit gewesen wären. Aber die Erinnerung…

  • Schieferplatten sind schwerer als man denkt

    Schieferplatten schleppen ist ein anstrengender Job. Ich habe das nie machen müssen, aber ich kann es mir vorstellen.

    Als damals der Sonnenhof abgebaggert wurde, hatte jemand Verwendung für eine Menge der Schieferplatten, die auf der Terrasse des Wohnhauses verlegt waren (siehe Foto).

    Wie der Blick auf besagte Terrasse verrät, waren es Mengen solcher Schieferplatten. Ich schätze, sie hatten mindestens das Format 50 x 50 cm und waren 3 – 5 cm dick. Wenn die Abmessungen stimmen, die ich jetzt nur noch schätzen kann, würde jeder dieser Platten so 35 kg gewogen haben. Ich denke, dass ist realistisch.

    Es gab eine abschüssige Auffahrt zu den Wohnhäusern, die ich als Junge auf dem Rad nur selten bewältigt habe. Ich folgte lieber dem Motto: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“. Es gab aber Ausnahmen. Wenn ich abends später nach Hause kam, lieb ich im Sattel. Aufgrund der vor mir liegenden, stockdunklen Wegstrecke, die bis zu unserem Haus rund einen Kilometer lang war, habe ich meine Kräfte zusammengerissen.

    Beleuchtet war die Auffahrt nur an ihrem Anfang. Für Insider: etwa bis zur Höhe des Birkenhofs (ungefähr 300-400 m des Weges). Danach war alles stockfinster und manchmal echt unheimlich.

    Nachdem die Eigentümerfamilie zum neuen Sonnenhof umgezogen war, wohnte meine Familie alleine auf dem Gelände bis wir ca. 1 1/2 Jahre später ebenfalls dort weggezogen sind. Schon einige Zeit davor hatte sich auf dem Sonnenhof viel verändert.

    Nutztiere gab es nicht mehr. Die drei Gärtner, die meinen Vater bis dahin unterstützt haben, waren nicht mehr da, die kilometerlangen Wege überwucherten langsam mit Gestrüpp und das Terrain vor dem verriegelten Haupthaus wurde für uns Kinder (meine Schwester, mich und unsere Freunde) zum Abenteuerspielplatz.

    Goldfische

    Kinder aus dem Ort hatten davon Wind bekommen, dass es im Seerosenteich (siehe Foto) noch reichlich Goldfische gab. Meine Schwester und ich sind diesem „feigen Diebstahl“ zuvorgekommen und haben etliche der Goldfische in Sicherheit gebracht. Manche der Bassins in der Gärtnerei wurden nicht mehr gebraucht. Deshalb konnten wir sie für „unsere“ Goldfische zweckentfremden. Da die Becken überdacht waren, mussten wir ab diesem Zeitpunkt für ausreichend Nahrung sorgen. Neben den beiden Wellensittichen und dem Kaninchen noch ein paar Tiere mehr, die wir versprochen hatten, zu versorgen. Das haben wir meistens unseren Eltern überlassen. Die armen Tiere wären vielleicht verhungert, wenn sie auf uns angewiesen gewesen wären.

    Schwere Schieferplatten

    Absprachegemäß wurde eines Samstags ein Teil der schon erwähnten Schieferplatten abgeholt. Die Beladung des Traktoren-Anhängers dauerte ein paar Stunden. Mein Vater war dabei und half. Zwischendurch warnte er, es sollten nicht zu viele Steinplatten aufgeladen werden, die Auffahrt sei nämlich steiler, als man glauben würde. Leider wurde nicht auf ihn gehört. Ich kann mir gut vorstellen, dass die anderen keine Lust hatten, mehrfach hin- und herzufahren. Deshalb wurde dem kleinen Traktor etwas viel Gewicht zugemutet.

    So nahm das Unglück seinen Lauf.

    Beim ersten Stück des Weges war das Gefälle der Auffahrt noch nicht stark, erst nach etwa der Hälfte des Weges nahm es erheblich zu. Ungefähr 300 Meter, bevor die Auffahrt auf die Landstraße (Bedburg / Glesch) stieß, war auf der linken Seite ein Transformatorenhaus. Etwa gegenüber, etwas näher an der Landstraße gelegen, stand ein riesiger Strommast.

    Der Fahrer des Traktors bemerkte, dass die geladene Last tatsächlich zu hoch war und die Bremsen des Traktors versagten. Er ließ sich nicht mehr stoppen und nicht mehr richtig lenken. Ich kann mir vorstellen, welche Panik in den Beteiligten aufgestiegen sein muss.

    Wäre er mit dem immer schneller werdenden Gefährt über die Landstraße hinweg geschossen, hätten er und sein Beifahrer das wahrscheinlich nicht überlebt. Parallel zu Landstraße verliefen Felder. Der Versatz im Niveau der Straße zum Feld betrug vielleicht um die 30 cm. Dieser Höhenunterschied hätte wohl dazu geführt, dass Traktor und Anhänger nach dem unkontrollierten Überfahren der Landstraße so ineinander verkeilt wären, dass die Folgen schrecklich gewesen wären.

    Ich weiß nicht, ob sich der Fahrer solche Gedanken gemacht hat. Jedenfalls hat er wohl bewusst entschieden, dass es besser sei, den Traktor gegen den großen Strommast zu fahren, um die letzte Chance zu nutzen, das Gefährt vor einem unkontrollierten Überqueren der Straße zum Stehen zu bringen. Ein Risiko bestand zusätzlich darin, dass die Landstraße von anderen befahren wurde und die Auffahrt überhaupt nicht einzusehen war.

    Stromausfall

    Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass die Stromleitungen vom Mast abrissen. Die Leitungen knallten auf die Erde und verwandelten alles rundherum in ein gewaltiges Meer aus Funken und Blitzen. Wie durch ein Wunder wurde keiner verletzt. Mein Vater kam nach Hause gelaufen. Er war weiß wie die Wand und total geschockt. Er rief die Polizei an und erklärte kurz, was passiert war.

    Nachher stellte sich heraus, dass der Strom im ganzen Stadtgebiet ausgefallen war. Wenn ich mich richtig erinnere, waren sogar Teile von Bergheim davon betroffen.

    Ich weiß nicht mehr, ob der Unfall für die Verantwortlichen zu Konsequenzen geführt hat. Wahrscheinlich war das so. Der Stromausfall dauerte mehrere Stunden – und das samstags mittags.

    Was wohl heute los wäre, wenn etwas Derartiges passieren würde? Die Auswirkung, die der Unfall für mich als Jungen hatte, war, dass ich eine spannende Geschichte von meinem Vater erzählt bekam und der Fernseher am Nachmittag nicht lief.

    Ich war sowieso lieber draußen.

  • Die Milch kocht über

    Der Sonnenhof hatte für uns Kinder etwas Paradiesisches. Meine Schwester wurde dort geboren. Ich bin fünf Jahre älter als sie und war etwa 3 Jahre alt als wir dorthin gezogen sind.

    Mein Vater war 29 Jahre alt als er aus 5jähriger russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrte. 1939 war er einberufen worden und erst 1949 nach Hause zurückgekehrt. Ich denke, wie viele in dieser Lage, hat er versucht, wenigstens ein Fitzelchen der durch den Krieg verlorenen zehn Lebensjahre nach- oder aufzuholen.

    Meine Mutter und er lernten sich im Sommer in der „Badeanstalt“ unseres Städtchens kennen. Meine Mutter erzählt heute noch, dass sie von seinen wunderbaren weißen und makellosen Zähnen begeistert gewesen wäre. Ich glaube ja, ein bisschen mehr wird es wohl gewesen sein. Schließlich hat ihre Ehe über fünfzig Jahre gedauert.

    Meine Mutter war 19 Jahre alt als sie meinen Vater kennenlernte. Sie kümmerte sich als Älteste ganz allein um ihren Bruder und ihre kleine Schwester. Die drei Geschwister waren schon seit einigen Jahren Vollwaisen. Mein Vater nahm gewissermaßen die väterliche Rolle ein.

    Als gelernter Gärtner bekam er eine entsprechende Stelle auf dem Sonnenhof. Seine Aufgabe bestand in der gärtnerischen Pflege eines, jedenfalls für heutige Verhältnisse, sehr großen Privatbesitzes. Dieser gehörte einem der Industriellen, die es damals noch in unserer Stadt gegeben hat. Neben seinem Chef gab es außer meinem Vater in der Gärtnerei noch drei Kollegen – alle ebenfalls Gärtner.

    Als Mitte der 50er-Jahre der Chef meines Vaters verstarb, trat er dessen Nachfolge an.

    Damit war unser Umzug auf den Sonnenhof in ein „eigenes“ Haus beschlossene Sache. Übrigens, ein Haus mit Zentralheizung und Badezimmer. Ich war damals noch zu klein, um mich an diese geradezu luxuriösen Veränderungen für unsere Familie erinnern zu können. Anfang der 1970er, der Sonnenhof musste dem Rheinbraun – Tagebau weichen, zogen wir in eine Mietwohnung in Blerichen. Dort gab es keine Heizung. Den Unterschied habe ich damals kennengelernt. War nicht schön. Man gewöhnt sich halt leichter an positive Veränderungen 🙂

    Bilder vom alten Sonnenhof:

    Wir wohnten gleich neben der Gärtnerei, zwei riesige Gärten lagen keinen Steinwurf von unserem Wohnhaus entfernt. Die Familie Holtkott, die Besitzer des Anwesens, führten neben den RLB Werken in Bedburg u.a. noch ein mittelgroßes Hotel in Köln auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring. Dafür wurden unzählige Blumen, Gemüse und eben alles Mögliche gebraucht.

    (Luftaufnahme Sonnenhof. Das ist das Hauptgebäude. Um dieses herum erstreckte sich ein Waldgebiet mit zwei große Gärten und einige Kilometer Wanderwege.)

    Meiner Schwester und mir mangelt es nicht an wunderbaren Erinnerungen an eine richtig schöne Kindheit. Unsere Freunde, die den Sonnenhof kennengelernt haben, teilen bis heute unsere Begeisterung.


    Ich möchte eine Geschichte erzählen, die passiert ist, als ich ungefähr fünf Jahre alt war. Also zu einer Zeit, als meine Schwester noch nicht geboren war. Ich erinnere mich noch ziemlich genau.

    Auf dem Gelände des Sonnenhofs gab es einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, einen Tennisplatz, ein Schwimmbecken, einen Seerosenteich und zwei große Weiden für Kühe. Ich glaube, es waren 5 oder 6. Schweine und Hühner gab es auch. Für die Pflege der Kühe war ein so genannter „Schweizer“ zuständig.

    Jeden Abend gab es für uns einen Liter frische Milch. Diese wurde nach dem Melken in der so genannten Milchküche (siehe Bildbeschreibung in der Foto-Galerie) bearbeitet, so dass sie danach nur noch abgekocht werden musste. Meine Aufgabe war es, unseren Liter Milch abends abzuholen und in unsere Küche zu bringen.

    Eines Abends, draußen war es schon fast dunkel, wollte mein Vater die gerade von mir abgelieferte Milch kochen. Meine Mutter war noch zum Einkauf in Bedburg. Übrigens hatten wir nie ein Auto. Deshalb wurden die wöchentlichen Einkäufe grundsätzlich zu Fuß oder mit dem Rad erledigt.

    Bedburg lag ca. 3 bis 4 km (?) vom Sonnenhof entfernt, genauer gesagt von unserem Haus. Das war eine der Schattenseiten unserer ansonsten privilegierten Wohnlage. Zur Bedburger Schule war es ein langer Weg, auch mit Rad. Im Winter lag leider schon damals nicht so häufig Schnee, dass ich oft in die Verlegenheit gekommen wäre, meine geliebten Gleitschuhe anzulegen. Was hat das für einen Spaß gemacht, wenn man mit diesen Dingern auf noch unberührten weißen Wegen unterwegs war! Sogar dann, wenn es in die Schule ging.

    Unsere Küche war groß. Neben dem Kohleofen gab es noch einen Elektroherd, einen Tisch mit vier Stühlen und eine große Couch. In der Ecke stand ein altes Radio, das ständig lief. Ein Kühlschrank fehlte damals noch. Zum Kühlen diente der Keller. Es gab ein mit Fliegendraht abgetrenntes Schränkchen. Das war’s.

    Der Lichtschalter in der Küche bestand in einer Quaste, den ich (später) gern als einen Hauch von Luxus bezeichnet habe. Das Ding insgesamt kann man sich ungefähr so vorstellen.

    Mein Vater stand am Herd und war dabei die Milch abzukochen. Ich hatte Langeweile. Große Langeweile. Ich wedelte ein bisschen mit der Quaste (dem Lichtschalter) und ließ ihn kreuz und quer, hin und her pendeln. Mein Vater bekam das mit und ermahnte mich, jetzt bloß nicht das Licht auszuschalten. „Die Milch kocht gleich!“

    Gute Idee, dachte ich. Ich wartete, bis die Milch aufkochte und mein Vater Anstalten machte, mit den zwei Topflappen den heißen Milchtopf vorsichtig vom Herd zu nehmen. In diesem Moment…

    Klick. Licht aus. Es war (inzwischen) stockfinster. Ein Schrei, Wut. Hooooorst.

    Die Operation war also gelungen, und ich war deshalb schon eiligst unterwegs nach draußen. Ich durchquerte schnell den langen mit einem „Teppich“ aus bedruckter Teerpappe (Feltbase war damals in) ausgelegten Flur. Gleich vor unserem Haus stand eine Hecke (s. Foto). Sie umgab beinahe die gesamte Front der Gärtnerei und stellte für mich als damals Fünfjährigen noch ein Hindernis dar. Mein Vater und ich spielten zwischendurch gern mal Olympiade. Eine der Disziplinen war das Überspringen dieser Hecke. Würde mir das ausgerechnet heute in dieser Notlage zum ersten Mal gelingen?

    Es war dringend nötig, denn mein Vater war bereits kurz hinter mir. Ich nahm Anlauf und … Mist! Ich blieb hängen und fiel fast aufs Gesicht. Das war nicht weiter schlimm, aber der Sturz raubte mir den Vorteil. Mein Vater hatte mich am Schlafittchen.

    Ich erinnere mich nicht daran, wie die anschließende Standpauke ausfiel. Schlagen war kein Erziehungsmittel meiner Eltern. Ich weiß noch, dass es später vier-, vielleicht fünfmal Situationen gab, in denen mein Vater die Beherrschung verlor und mir eine geklatscht hat. Das war später.

    Im 1. Schuljahr von einem Lehrer eine Ohrfeige bekommen, weil ich nicht aufgepasst hatte. Damals (Anfang der 60er Jahre) war das noch ganz normal.  Nicht für meinen Vater. Er fuhr – mit dem Rad – zur Schule und hat dem Lehrer die Meinung gesagt. So war das. Dieser Lehrer und ich sind keine Freunde geworden. Als er sich, ich war schon in der 4. Klasse, den Arm brach, lernte ich im Blitzverfahren, wie sich Schadenfreude anfühlt.

    Die Geschichte geht noch weiter: Nachdem Papa mich also gestellt hatte, folgte die Ansage: „Ab ins Bett!“

    Wenig später kam meine Mutter nach Hause und fragte sofort: „Wo ist der Jong?“ „Im Bett!“ antwortete Papa ein wenig zu harsch. „Wie im Bett, was ist denn passiert?“. Ich erinnere mich daran, dass ich Spaß hatte, dass die beiden jetzt Knatsch hatten. Schlimmes Kind!

    Am nächsten Morgen war alles wieder gut.