Kategorie: Bedburg

  • Wespenplage scheint wahr zu werden

    Es sieht ganz danach aus, dass wir es in NRW in diesem Jahr mit einer ausgewachsenen Wespenplage zu tun bekommen. Einige Medien berichteten schon darüber.

    Trockenheit und Hitze sorgen dafür, dass die Wespen in diesem Jahr deutlich früher aktiv werden. Sonst war ich daran gewöhnt, dass in unserer Gegend die Wespensaision erst Ende August startet.

    Gestern war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Plötzlich waren sie da. Bis dahin gab es nur vereinzelte Auftritte dieser elenden Plagegeister. Ich war gestern im Schlosspark Paffendorf unterwegs. Es gab einige Angriffe von Wespen, die mir sogar besonders aggressiv vorkamen. Ich schätze es nicht, wenn die Biester vor meinem Gesicht herumschwirren.

    Als ich wieder zu Hause war, haben wir auf dem Balkon schön gemütlich Kaffee getrunken. Besser gesagt, wir wollten es. Nun, wir sind dort geblieben und haben den Angriffen standgehalten. Aber gemütlich war das nicht. In den letzten Jahren haben meine Frau und ich mehr Wespenstiche abbekommen als in vielen Jahren davor. Mehr Wespen, mehr Stiche scheint die einfache Gleichung zu sein.

    Unschön ist auch, dass die Wespen, vielleicht, weil sie früher erweckt wurden, uns aggressiver vorkommen als normal. Gestern haben wir über den Tag mindestens 5 der Biester aus unserer Wohnung verjagt. Besser gesagt, meine Frau hat sie gefangen und heil nach draußen befördert. Ich würde die Fliegenklatsche nehmen. Meine Frau ist auch in dieser Hinsicht umsichtiger bzw. empathischer. Ja, auch Wespen haben ihre Daseinsberechtigung, ich weiß.

    Meine Schwiegermutter und ich sind einer Meinung. Wir teilen unser Essen nicht mit denen. Die sagen nicht Bitte, sondern verderben einem die gemütliche Kaffeetafel oder den Grillabend.

    Diese 20 Pflanzen halten Wespen fern / Plantopedia

    Wir haben auf dem Balkon sowohl Lavendel als auch Rosmarin. So richtig geholfen hat das offenbar bisher nicht. Wir werden die Dosis wohl etwas erhöhen und dann evaluieren, wie das heute gern genannt wird. Zitronenmelisse, Melisse und Knoblauch.

  • Auch ein Besuch der »Schrebergärten light« im Schlosspark Bedburg macht Spaß.

    Im Städtchen Bedburg, in einem Teil des Schlossparks, wurden Parzellen für mehrere Kleingärten eingerichtet. Das war vor etwa eineinhalb Jahren. Gärten einer ganz anderen Dimension hatte es rund um unser Schloss vor sehr vielen Jahren gegeben. Das lässt sich aus der verlinkten Dokumentation entnehmen.

    Die Ankündigung fand unter dem Begriff „Urban Gardening“-Projekt statt. Eine Nummer kleiner und – wie ich finde – passender: Schrebergärten light.

    Insgesamt wurden für das Projekt 2.500 Quadratmeter zur Verfügung gestellt. Früher befanden sich an diesem Ort die Gärten der Schlossgärtnerei. Ich erinnere mich, dass mein Vater, der selbst Gärtner von Beruf war, und der damalige Besitzer gute Freunde waren. Das liegt schon sehr lange zurück. Jahrelang erinnerte nichts an diese Zeit. Ich war noch ein Kind.

    Heute ist es anders. Meine Frau und ich besuchen die neuen kleinen Gärten regelmäßig. Wir haben Spaß an der Arbeit der zahlreichen Hobbygärtner.

    Seit dem Frühjahr blüht dort immer etwas. Einen der Gärten bewirtschaften die Kinder der Wilhelm-Busch-Grundschule. Meistens sind es wohl Privatleute, die sich dort gärtnerisch betätigen.

    Die einzelnen Parzellen sind zwischen 20 und 100 Quadratmeter groß.

    Ich finde bei unseren Besuchen immer lohnenswerte Motive. Hier einige Fotos von heute.

  • Bezahlbarer Wohnraum in Bedburg?

    In unserem Städtchen (Bedburg) entsteht relativ viel neuer Wohnraum. Ob es auch bezahlbarer Wohnraum ist? Es werden drei neue Wohngebiete erschlossen, die Wohneigentum sowie Mietwohnungen beinhalten. Die Politik sagt, es werde bezahlbarer Wohnraum geschaffen.

    Je Quadratmeter 13 Euro – kalt

    Inzwischen nehmen zwei der neuen Wohngebiete Gestalt an. Ich hörte, dass für die Mietwohnungen ein Quadratmeterpreis von knapp über 13 Euro aufgerufen wird. Bezahlbarer Wohnraum?! Ich glaube nicht.

    Den Fortschritt der Bebauung habe ich verfolgt. In den asozialen Medien war ebenso Positives wie Negatives zu lesen. Es ist aus meiner Sicht absolut richtig, dass sich die Kommunen stark engagieren. Ob das überall im Bundesgebiet der Fall ist, vermag ich nicht zu sagen. Viele, davon bin ich überzeugt, sind der Politik für diesen Anstoß jedenfalls zuerst einmal dankbar.

    Inzwischen sehe ich, dass die Zeitpläne zur Fertigstellung wohl nicht ganz eingehalten werden. Das mag aber ein falscher Eindruck sein. Schließlich sind wir längst an gewisse Verzögerungen gewöhnt. Ich wäre überrascht, wenn mal eine Baustelle termingerecht fertig würde.

    Materialengpässe, personelle Probleme infolge der Pandemie sind, denke ich, hauptverantwortlich dafür.

    Bauträger investieren nur, wenn es sich lohnt

    Der Bauträger ist in unserem Fall die „Erftland“. Über eine Website konnte man sich bei Interesse für die verschiedenen Wohneinheiten melden. Ein alleinstehender Bekannter (70) war die Wohnung gekündigt worden.

    Er hat sich dort angemeldet und seit Monaten keine Antwort erhalten. Auch telefonische Nachfragen blieben erfolglos. Wahrscheinlich sind alleinstehende ältere Männer nicht das, was sich die Damen und Herrn Vorstände solcher Wohnungsgesellschaften für ihre tollen Projekte vorgestellt haben…

    Darüber hinaus: Ich würde freiwillig nicht dorthin ziehen. Die Häuser sind meines Erachtens in einer so schrecklich engen Art und Weise aufeinander gebaut, dass man sozusagen vom Wohnzimmer ins Wohnzimmer der Nachbarn schauen kann. Außerdem werden mindestens in einem der Gebiete hohe Häuser errichtet.

    hohe Häuser – der Umwelt zuliebe?

    Diese höheren Häuser mit einigen Stockwerken liegen zum Hauptverkehrsweg des Ortes, so dass sie vermutlich die dahinterliegenden Wohnungen auch als Lärmschutz dienen werden.

    Im dritten geplanten Neubaugebiet entsteht ein Hochhaus mit 13! Stockwerken. Grüne, FDP und CDU wollten den Bau auf 6 Stockwerke begrenzen, die Mehrheit des Rates setzte sich jedoch knapp durch. Es bleibt bei 13 Stockwerken.

    Interessant an dieser Entwicklung in unserem Städtchen ist, dass die Grünen, wie ich höre, aufgrund der in Deutschland immer noch stark voranschreitenden hohen Flächenversiegelung Bauprojekte unterstützen, die nicht in die Breite, sondern eben in die Höhe gehen. Das mag im großstädtischen Raum (in Berlin passiert das derzeit) eine gute Lösung sein.

    Wie sinnvoll ist es jedoch, solche hohen Häuser in kleinstädtischen oder sogar dörflichen Umgebungen zu errichten?

    Was denken wir in 40 Jahren über die neuen Hochhäuser?

    Hatten „wir“ uns nicht in die Hand versprochen, in unseren Städtchen keine hohen Häuser mehr zu errichten und wie viele Jahre haben solche Wohnungen in solchen Bauten leer gestanden, sind verrottet? Bis sie schließlich sogar abgerissen werden mussten (Bergheim). Aber jetzt, modern und neu erbaut, werden sie von vielen Bürgern akzeptiert. Aber wie sieht es in 30 – 40 Jahren aus?

    Die Versiegelung kann gravierende Folgen für die Umwelt haben: Denn zubetonierte oder asphaltierte Böden nehmen Nährstoffe und Regen nicht mehr auf. Je mehr Flächen wir versiegeln, desto mehr fruchtbarer Boden geht verloren.

    Weil weniger Wasser in den Boden gelangt, gibt es zudem weniger Grundwasser – dadurch werden Trinkwassermangel und Dürreschäden begünstigt.

    Auch das Risiko für Hochwasser steigt, denn das Wasser versickert nicht gleichmäßig im Boden. Die Wassermassen werden in Kanalisationen geleitet, die bei starkem Regen überlaufen können.

    LINK
    Darum sollten wir unsere Böden nicht zubetonieren – quarks.de

    Als seien dies nicht bereits genug Nachteile, die Flächenversiegelung mit sich bringt, auch die Artenvielfalt wird durch diesen Eingriff der Menschen beeinträchtigt. Selbst ein wie auch immer motivierter Rückbau bereits versiegelter Flächen hat Nachteile. Diese bestehen darin, dass immer Rückstände von Beton und Asphalt bleiben, die die Qualität des zurückgewonnenen Bodens respektive dessen Fruchtbarkeit beeinträchtigen.

    Bezahlbarer Wohnraum ist so unendlich wichtig. Aber was ist mit der fortdauernden Flächenversiegelung in NRW? Tag für Tag wird eine Fläche von 18 Fußballfeldern in unserem Bundesland versiegelt. In ganz Deutschland sind es 113 Fußballfelder oder 81 ha täglich!

  • Geh’n wir Bäume vergiften im Park

    Ich habe Georg Kreislers Liedzeile umgedichtet. Diesmal gings um „Bäume vergiften“, nicht um Tauben. Und mir ist überhaupt nicht zum Lachen zumute. Ein paar »Baumhasser«, wie es in den Medien heißt, haben in Sterkrade mehrere Platanen vergiftet. Der Sachschaden beläuft sich auf ca. 60.000 Euro. Das liest sich so sachlich, so wenig spektakulär. Dabei ist es doch – zum Verzweifeln!

    Für mich hat so eine Tat die Dimension eines Zivilisationsbruches.

    Ich fasse es nicht, wozu Menschen fähig sind. Wie leider so oft muss man sich fragen: »Wer tut so etwas?“. Es gibt traurigerweise laufend neue Beispiele.

    Fünf Platanen sind mit einer Ausnahme wohl nicht mehr zu retten.

    Irgendein Irrer hat an mehreren Wurzeln der Bäume Bohrungen vorgenommen und Gift eingeführt.

    Aufgefallen ist der Schaden durch Baumkontrolleure (den Begriff kannte ich bisher nicht). Sie hatten festgestellt, dass die Baumkronen geschädigt waren.

    Menschen zünden Schwäne an und ergötzen sich an ihrer frevelhaften Tat, die sich der schlimmste Horrorfilmer nicht ausdenken könnte. Jedenfalls nicht, wenn er trotz seiner Profession noch halbwegs normal geblieben ist.

    Jugendliche zünden Schecken mit Zigaretten an. In unserem hiesigen Schlosspark verletzte ein Durchgeknallter eine Gans mit dem Pfeil seiner Armbrust.

    Mehrfach wurde unser schöner Kasterer See von Vandalen heimgesucht. Der Schaden ist beträchtlich und die Stadt sieht sich nicht in der Lage unsere Natur vor diesen Leuten zu schützen, denen nichts mehr heilig zu sein scheint. Abwarten, ob der Appell unseres Bürgermeisters etwas verändert.

    In unserer Gegend gibt es eine ordentliche Population von Eisvögeln. Im letzten Jahr hatte ein Schwarzangler einen Eisvogel getötet. Der Vogel hatte sich in einer Angelschnur verheddert, konnte sich nicht mehr befreien und verendete im Gesträuch.

  • Viele Kommentare bei Spiegel, Twitter etc. sind angesichts der Katastrophe unterirdisch

    Heute Morgen sieht der Himmel bei uns halbwegs aufgeklärt aus. Es soll noch etwas Regen geben. Aber das Schlimmste liegt hoffentlich hinter uns. Die Nachrichten von gestern sind erschreckend. Es werden noch Menschen vermisst und es gibt viele Tote. Von den gewaltigen Sachschäden ganz zu schweigen. Ganz viele stehen buchstäblich vor den Trümmern ihrer Existenz. Häuser, Wohnungen, Einrichtungen – alles zerstört.

    Das THW und die freiwillige Feuerwehr haben in vielen Stunden Einsatz die Innenstadt von Bedburg vor der Katastrophe bewahren können.

    Jetzt weiß man noch nicht, wie stark das Hochwasser unserer Flüsse aufgrund dieser Sintflut werden könnte. Hoffentlich halten die Dämme und dass weitere Regenfälle dieser Art ausbleiben.

    Ich denke an die vielen Menschen, die von der Naturkatastrophe unmittelbar betroffen sind. Die Zahl der vermissten Personen in Rheinland-Pfalz ist inzwischen von 70 auf 40 gesunken. Hoffentlich werden die anderen lebend und unverletzt aufgefunden.

    Was mich verwirrt, sind einmal mehr Kommentare von Menschen, die sich dazu berufen fühlen, angesichts dieser Katastrophe Schuldige zu benennen und ideologische Begründungen für oder gegen die Ursachen abzugeben. Ist es zu viel verlangt, wenigstens jetzt einmal die Klappe zu halten? Ich weiß nicht, wie es euch dabei geht. Aber ich erinnere mich nicht an irgendeine Zeit, in der wir eine solche Wetterlage hier schon einmal gehabt haben. Ok, vielleicht sagt man so was oft zu schnell. Aber ich erinnere mich wirklich nicht daran. Das hatte schon etwas von einer Sintflut.

    Wie kann man sich vor diesem Hintergrund noch darüber streiten, ob es den Klimawandel gibt oder wer dafür verantwortlich ist? Wer gleichzeitig mal nach Kanada, USA und Russland schaut, kann es eigentlich nur mit der Angst zu tun bekommen.

    Keinen Kommentar zu schreiben, las ich (in einem Kommentar natürlich) spare CO2 ein. Klar, davon habe ich schon gelesen. Hier liegt der Punkt. Viele wissen (oder sie glauben es), dass ein Punkt erreicht ist, an dem sich vieles ändern muss. Es gibt viele Ideen und Vorstellungen. Aber die sind wohl kaum mehrheitsfähig, glaube ich. Wie könnte man diesen epochalen Schritt hinbekommen, den es brauchte, um so schnell es möglich ist, zu globalen und vor allem zu wirksamen Maßnahmen zu kommen?

    Ein Stern-Journalist hat herausgefunden, dass Baerbock und Scholz bei Twitter allen Betroffenen ihre Anteilnahme ausgesprochen hätten, Laschet aber nicht. Dass er gestern seine Reise nach Süddeutschland abgebrochen hat, um die im Land besonders betroffenen Gemeinden zu besuchen, hat er nicht herausgefunden. Soviel noch dazu.

  • Den Strukturwandel bewältigen?

    Wer kein Eigenheim besitzt, kann kommunalen Planungen entspannter entgegensehen. Mieterinteressen haben naturgemäß weniger Gewicht bei etwaigen Anhörungen als jene von Eigentümern. Einschränkungen der Wohnqualität sind schließlich nichts im Vergleich zu möglichen Wertverlusten eigener Immobilien.

    Als damals (1995) der Bau eines größeren Wohnhauskomplexes unsere Sicht auf den Park verbaute, waren meine Frau und ich wenig erfreut. Nur wen interessierte das schon? Wir empfanden es damals als großes Glück, eine so schöne Mietwohnung gefunden zu haben. Auch Mitte der 90er Jahre gab es in unserer Region große Probleme, eine Wohnung zu finden.

    Die hiesigen Kommunen sind vom erst noch bevorstehenden Strukturwandel voll betroffen. Wenn die Grünen an die Macht kommen, ist nicht auszuschließen, dass der Kohleausstieg vor 2038 stattfindet. Umso mehr als das neuste Urteil des Bundesverfassungsgerichtes das Terrain für neue Verhandlungen weit geöffnet hat. Auch insofern ist bei dem Thema Eile geboten. Jedenfalls können sich die Verantwortlichen mit ihren Planungen nicht zu viel Zeit lassen. Unser SPD-Bürgermeister ist ein emsiger Mann, der nicht nur auf diesem Feld äußerst aktiv ist. Wir finden, er macht seine Sache richtig gut.

    Ob andere BürgerInnen der Stadt das auch so sehen? Ich glaube schon, denn seine gut frequentierte Facebook-Seite lässt daran wenig Zweifel. Er informiert sehr regelmäßig über die Inzidenzen im Stadtgebiet und erklärt insbesondere bei diesem Thema sehr zuverlässig und regelmäßig. Kurz: Er kümmert sich!

    Neben insgesamt 3 großen Quartierprojekten, die momentan im Stadtgebiet laufen, soll nun im Westen der Stadt ein neues Gewerbegebiet entstehen. Heute lese ich, dass sich deswegen in der Stadt eine Protestbewegung gebildet hat. 600 BürgerInnen (aus verschiedenen Ortsteilen) haben sich diesem Protest angeschlossen, eine Petition wurde begleitend gestartet.

    Wie aus den Unterlagen der Bezirksregierung Köln zu entnehmen ist, sei abweichend vom allgemeinen Sprachgebrauch der Stadt dort kein Gewerbegebiet, sondern mit der Bezeichnung „GIBPlus“ ein vorrangiges Industriegebiet auf der 750.000 Quadratmeter großen Fläche geplant. Dies sei für die Bewohner der in unmittelbarer Nähe liegenden Ortschaften eine unzumutbare Belastung. Der Vorwurf: „Wie kann man ernsthaft ein neues Industriegebiet in dieser Größe mit einem 24/7-Tages- und Nachtbetrieb bei einer minimalen Distanzfläche von nur circa 250 Metern zur Wohnbebauung in Kaster und Königshoven planen, wenn schon bei Windrädern eine Distanz von mindestens 1000 Metern gefordert wird?“

    Bedburg: Protest formiert sich: 600 Bürger wenden sich gegen Gewerbegebiet | rheinische-anzeigenblaetter.de

    Ich verstehe die Leute, die das Projekt kritisch sehen. Andererseits ist das nur typisch für das, was in unserem Land abläuft. Es ist, finde ich, nur noch eine Frage der Zeit, bis die Versäumnisse im Ausbau und in der Pflege der Infrastruktur auch für die letzten BürgerInnen unübersehbar werden. Dann könnte es allerdings zu spät sein, um noch wirksam die vielen Fehlentwicklungen zu beheben. Aber wir haben ja die Politik, der wir all diese Versäumnisse, die nur noch mit einem krass überdrehten Individualismus zu erklären sind, in die Schuhe schieben können. Von diesen Möglichkeiten machen wir zu gern Gebrauch. Unsere eigene Verantwortung für das Ganze schieben wir beiseite.

    Zum Glück gibt es da noch die Gerichte, die je nach eigenem Gusto oder politischer Gesinnung der RichterInnen ihrerseits Einfluss auf derartige Entscheidungen nehmen. Dass RichterInnen keineswegs neutral, sondern oftmals auch sehr parteiisch handeln, fällt mir immer häufiger unangenehm auf. Dass sich Politiker auf der anderen Seite darauf zu verlassen scheinen, dass ihre juristisch-handwerklichen Mängelarbeiten von eben solchen Richtern korrigiert werden, macht mich auch nicht glücklicher.

    Allein, wenn ich Bundestagsvize Kubicki mit seinem Juristen-Palaver über die Maßnahmen gegen die Pandemie in etlichen Talkshows der Republik daher schwadronieren höre, packt mich das nackte Entsetzen. Juristen beklagen sich allgemein gern darüber, dass in der Pandemie lediglich Virologen oder Epidemiologen „gehört“ würden. Dabei ist die deutsche Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) von Beginn an in alle Beratungen eingeschaltet gewesen (übrigens auch durch ihre Mitglieder in den verschiedenen Ebenen der Landespolitik). Dort gibt es Vertreter aller wissenschaftlicher Disziplinen.


    Mich bringt es auf die Palme, dass Greenpeace und FFF beim Bundesverfassungsgericht mit ihrer Beschwerde zum Inhalt des Klimaschutzgesetzes durchgedrungen sind. Vor allem deshalb, weil der Eindruck einer von Mängeln behafteten Arbeit der Bundesregierung bestätigt wird und Vertreter beider Parteien (Altmaier, CDU und Scholz, SPD) die Gerichtsentscheidung absurderweise als Bestätigung ihrer Politik zu verkaufen suchen.

    Es ist wie bei vielen anderen Themen. Politik lässt es, vermutlich aus Angst vor den Reaktionen der WählerInnen, bewusst an Weitsicht fehlen. Dabei sollten die Verantwortlichen durch zahllose andere Beispiele unter den damit verbundenen Schmerzen längst begriffen haben, dass Gerichte, sobald sie deshalb angerufen werden, unzulängliche Gesetze zurückweisen. Dass dies immer mit einem Schaden für unsere Demokratie verbunden ist, scheint diese Flitzpiepen schlicht nicht zu interessieren.

    Dass sich die Grünen nun berufen fühlen, die Gelegenheit zu ergreifen und an den Korrekturen des Gesetzes nach Kräften mitzuwirken, finde ich fast beunruhigend. Allerdings ist davon auszugehen, dass sich das anhand der Stimmungslage im Land genauso darstellen dürfte. Die anderen Parteien drucksen (AfD ausgenommen) bloß herum. Sie reden davon, dass das Urteil eine Chance sei, die man unbedingt nutzen müsse.

    Wenn ich die Entscheidung des Verfassungsgerichtes richtig verstanden habe, fehlen dem Gericht genaue Angaben zu den Maßnahmen von 2030 bis 2050. Ihm war es nicht genug, per Gesetz lediglich mit einem strategischen Vorhaben abgespeist worden zu sein. Aber wie man darauf kommen kann, dass dieses Defizit unter freundlicher Mithilfe des Verfassungsgerichtes ausgeglichen werden könnte, erschließt sich mir nicht. Oder ist die Einlassung der Vertreter der Kläger anders zu verstehen?

    Diese erlaubten es verfassungsrechtlich jedoch nicht, die physischen Grundlagen menschlicher Existenz aufs Spiel zu setzen und damit auch die Demokratie zu untergraben. Genau das drohe jedoch, wenn die Klimapolitik unambitioniert bleibe.

    Klimaschutzgesetz: Die Entscheidung entzweit die Koalition

    Verweist man politische Entscheidungen künftig am besten nicht immer gleich ans Verfassungsgericht, sodass die noch mal drüber gucken können? Wäre das eine Option über die wir uns auch unter demokratietheoretischen Aspekten freuen dürfen?

    Wenn ein Ökonom als Reaktion auf das Urteil feststellt, dass die Entscheidung des Verfassungsgerichtes nahelegen würde, dass Deutschland allein maßgeblichen Einfluss auf die Reduktion der globalen Temperaturen hätte, darf man mit dem Kopf schütteln, oder? Vielleicht wären unilaterale Selbstverpflichtungen sogar kontraproduktiv, fragte er. Erfolgversprechend seien nur konzertierte Maßnahmen auf multinationaler Ebene. Davon sind wir leider weit entfernt, trotz Biden.

    Der BDI fordert, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel (auch die Festlegung irgendwelcher Grenzwerte) weder von Ministerien noch von Gerichten festgelegt werden dürften. Vielmehr sei dies die Aufgabe der Legislative. „Der Industrieverband BDI verlangte nach dem Urteil, die Politik müsse die langfristigen CO2-Ziele nun auf parlamentarischem Wege festlegen.“ (Quelle: FAZ)

  • Sonnenhof: Mit der Ratte gefangen im engen Kelleraum

    Je näher der Tagebau dem Sonnenhof kam, desto mehr Ratten tauchten in unserer unmittelbaren Umgebung auf. Das Haus lag im äußeren Bereich des Grundstücks und somit dem Grubenrand am nächsten.

    In einer Ecke der Waschküche befand sich eine Pumpe. Sie wurde mit einem breiten Keilriemen und einem Elektromotor betrieben. Ungefähr so sah das aus. Unser Haus war nicht an die städtische Kanalisation angeschlossen, weil das Gelände weit vom Schuss war. Am Haus befand sich eine kleine Kläranlage, die mehr oder weniger regelmäßig von einem kommunalen Entsorgungsunternehmen entleert wurde. Meiner Mutter war die Pumpe nicht geheuer. Wenn es darum ging, sie in Betrieb zu nehmen, hat sich dies immer meinem Vater überlassen.

    Die Geschichte mit der Pumpe erwähne ich primär deshalb, weil wir glaubten, dass unser Besuch nur durch dieses offene „Wasserloch“ ins Haus gekommen sein konnte.

    Gruselig

    Eines Tages kam meine Mutter ziemlich aufgeregt aus dem Keller zurück und berichtete, sie habe dort eine Ratte gesehen. Dass wir ab und an Mäuse im Keller hatten, war nichts besonderes. Schließlich lebten wir direkt neben der Gärtnerei, die Vorräte an Leckereien gingen nie zu Ende. Zum Glück waren wir bis dahin von Ratten verschont geblieben. Das hatte sich damit schlagartig geändert. Mein Vater meldete Zweifel an. Ganz nach dem Motto: es gab bisher keine Ratte, dann wird sie sich sicher versehen haben.

    Nun, er hatte die Rechnung ohne meine Mutter gemacht. Sie bestand darauf, dass er sich um die Ratte kümmerte. Er versuchte es also zuerst mit Fallen. Also, natürlich richtigen Rattenfallen. Nicht sowas hier.

    Es funktionierte nicht, obwohl er es über mehrere Tage versucht hatte. Die Köder wurden zwar scheinbar angerührt aber nie aufgefressen. Daher blieb die Jagd bis dahin erfolglos. Mein Vater musste zu drastischeren Mitteln greifen. Derweil war meine Mutter nicht dazu bereit, auch nur einen Schritt in diesen Keller zu setzen.

    Der Schuss

    Mein Vater besaß ein Kleinkalibergewehr oder es war ein Luftgewehr. Keine Ahnung. Mit dem Kaliber konnte man sich jedenfalls einer Ratte entledigen. Er kokelte ein Stück Speck an und positionierte es mitten im Kellerflur. Alle Keller – Türen standen offen. Er musste lange warten, bis sich etwas tat. Dann erschien tatsächlich – eine Ratte. Und was für eine. Ein echte großes Teil. Mein Vater legte an und schoss. Das Mistvieh lief weg. Er konnte gerade noch sehen, in welchen der Kellerräume sie entkam. Da es schon ziemlich spät war, mochte er nicht nachsetzen und ging stattdessen erstmal schlafen.

    Am nächsten Morgen kam Kurt, einer der Fabrikfahrer vom Linoleum, um irgendwas aus der Gärtnerei abzuholen. Mein Vater fragte ihn, ob er ihm mal kurz helfen könnte. Er schilderte die Geschichte und erklärte dem Mann, was er nun vor hatte. „Wir gehen in den betreffenden Kellerraum. Die Ratte muss dort sein. Weg konnte sie nicht und vielleicht hat die Kugel sie ja auch getroffen.“  Gesagt, getan.

    Die beiden Männer gingen in unseren Keller und öffneten den Raum, in den das Untier sich verkrochen hatte. Kurt schloss vorsichtshalber die Tür hinter sich, damit die Ratte auch nur ja nicht das Weite suchen konnte. Es dauerte wenige Minuten und die Ratte war gefunden. Die Kugel hatte sie getroffen und das Tier war vermutlich kurze Zeit später verendet. Meine Mutter würde erleichtert sein. Der häusliche Friede konnte wieder einkehren.

    Klinke

    Erst jetzt bemerkten die Männer, dass sie im Kellerraum eingesperrt waren. Was Kurt nämlich vorher nicht gesehen hatte, war, dass der Raum innen über keine Türklinke verfügte. Erste Versuche, sich selbst aus dieser Misere zu befreien, scheiterten. Meine Mutter war in der Küche und erzählte später, wie irritiert sie darüber war, dass zwei erwachsene Männer bei der Jagd nach dem Nager einen solchen Lärm veranstalteten. Dabei waren es zunächst die vergeblichen Hilferufe der beiden Männer. Erst nach einer Weile begriff meine Mutter, dass da etwas nicht stimmen konnte. Also ging sie – immer noch etwas ängstlich – in den Keller. Sie verstand erst jetzt die missliche Lage der Rattenjäger.

    Die Rettung

    Sie ging zur Tür des Kellerraumes und befreite ihre beiden Helden aus ihrer Situation. Über diese Geschichte haben wir im Kreis der Familie und mit Freunden später noch oft herzlich gelacht.

  • Angriff der Milchkühe

    Meine Kostümierung war ein Überbleibsel von Karneval. Mich hatten die Funkenmariechen so beeindruckt in ihren hübschen Uniformen, dass ich mit Nachdruck die Utensilien beschaffte, an die ich kommen konnte. Meine Eltern mussten ran. So kamen ich an diesen wunderschönen Hut und die Kiste mit Trageband.

    Statt der Kamelle hatte ich ein paar Steine geladen und verteilte sie bei passenden und unpassenden Gelegenheiten in der Umgebung.

    Meine Schwester war noch nicht auf der Welt. Aber ich wusste, es wurde ein Mädchen. Klar, dass ich ganz aus dem Häuschen war, wenn ich dran dachte, bald ein eigenes Funkenmariechen zum Spielen zu haben.

    Auf die Teile der Karnevalsmontur mochte ich eine ganze Weile lang nicht verzichten. In ihr streifte ich täglich durchs Gebüsch und die Wege, die auf dem Sonnenhof zu meinem und Fredis Territorium gehörten. Das umzäunte Gelände war riesig und für uns Kinder frei von Gefahren, die woanders wegen der Straßen auch schon damals bestanden haben.

    Bei anderer Gelegenheit habe ich davon erzählt, dass ich abends unsere tägliche Milch in der so genannten Milchküche abholen ging. Was ich nicht erwähnt habe, war mein Interesse an unseren Milchkühen, primär dann, wenn Nachwuchs gekommen war. Ein Herr Schwieren war für die Pflege unserer Kühe zuständig. Er hatte den Beruf oder jedenfalls die Stellung des Schweizers auf dem Sonnenhof.

    Meistens ging ich von der hinteren Seite des Haupthauses in den im Seitentrakt befindlichen Stall. Im Winter waren dort die zum Betrieb gehörigen 4 oder 5 Kühe (ich weiß es nicht mehr) untergebracht. Sie standen nebeneinander und wurden morgens und abends gemolken. Wenn ich zufällig zur gleichen Zeit wie Herr Schwieren im Stall war, passierte es regelmäßig, dass er mich während des Melkens mit Milch bespritzte. Ich fand erstaunlich, wie weit die Milch direkt aus dem Euter einer Kuh spritzen kann – jedenfalls wenn der Melker ein Könner seines Fachs ist.

    Im Sommer hatten sie zwei große, miteinander verbundene Weiden zur Verfügung. Immer Sommer gab es frisches Weidegras satt und im Winter gab es überwiegend Heu. Die Umstellung des Futters hatte oft erhebliche Auswirkungen auf die Verdauung der Tiere.

    Davon kann ich aus eigener, leidvoller Erfahrung berichten.

    Ich war also in meiner Rest-Fastelovend-Montur unterwegs und betrat den Kuhstall. In diesem Fall war meine Aufmerksamkeit rundum auf das kleine Kälbchen gerichtet, das sich gegenüber der Reihe mit den anderen Kühen in einem abgesperrten Gatter befand. In der Hand trug ich einen alten Wecker, der zwar mit Fastnacht nichts zu tun hatte, der aber in dieser Zeit ebenfalls zu meiner Abenteurer-Grundausstattung gehört hat.

    Ich weiß nicht mehr, ob ich den Wecker abgestellt hatte oder ob ich ihn in der Hand behalten hatte. Jedenfalls kraulte und streichelte ich unseren kleinen Liebling eine Weile. Das für eine ganze Weile mein alltägliches Ritual. Ich meine mich zu erinnern, dass Herr Schwieren mich auf die Durchfälle aufmerksam gemacht hatte, mit denen unsere Kühe zu dieser Zeit zu kämpfen hatten. Mir fehlte allerdings die Fantasie, was man sich exakt darunter vorzustellen hatte. Das Leben ist bekanntlich der beste Lehrmeister.

    Während ich mich inbrünstig, voll konzentriert dem Streichzoo im eigenen Haus zugewandt hatte, befiel eine unserer Kühe eine Attacke. Ich habe es nicht mitbekommen. Aber technisch gesehen dürfte dieser Vorgang wohl so ausgesehen haben: Sie hob ihren Schwanz und eine Fontäne von Kuhscheiße durchquerte den Raum. Leider war im Zielkreises dieses Geschehens positioniert. Meine Rückseite, mein Wecker, mein Hut – nicht zu vergessen meine komplette Rückseite war mit grüner Kuhscheiße bedeckt.

    Ich war echt bedient und augenblicklich zur Heulsuse mutiert. Mein Vater hat mich ausgelacht, was die Sache nicht leichter für mich machte. Auf meine Mutter war Verlass. Sie spendete mir den Trost, den ich von meiner gesamten Umgebung erwartete. Aber wir wissen ja alle, wie selektiv Menschen mit Trost bei derartigen Gelegenheit umzugehen pflegen.

    Wecker, Hut und sonstige Utensilien wurden entsorgt. Irgendwie mochte ich sie plötzlich nicht mehr so gern. Nicht, dass sie auch gereinigt und danach nicht wieder einsatzbereit gewesen wären. Aber die Erinnerung…

  • Schieferplatten sind schwerer als man denkt

    Schieferplatten schleppen ist ein anstrengender Job. Ich habe das nie machen müssen, aber ich kann es mir vorstellen.

    Als damals der Sonnenhof abgebaggert wurde, hatte jemand Verwendung für eine Menge der Schieferplatten, die auf der Terrasse des Wohnhauses verlegt waren (siehe Foto).

    Wie der Blick auf besagte Terrasse verrät, waren es Mengen solcher Schieferplatten. Ich schätze, sie hatten mindestens das Format 50 x 50 cm und waren 3 – 5 cm dick. Wenn die Abmessungen stimmen, die ich jetzt nur noch schätzen kann, würde jeder dieser Platten so 35 kg gewogen haben. Ich denke, dass ist realistisch.

    Es gab eine abschüssige Auffahrt zu den Wohnhäusern, die ich als Junge auf dem Rad nur selten bewältigt habe. Ich folgte lieber dem Motto: „Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt“. Es gab aber Ausnahmen. Wenn ich abends später nach Hause kam, lieb ich im Sattel. Aufgrund der vor mir liegenden, stockdunklen Wegstrecke, die bis zu unserem Haus rund einen Kilometer lang war, habe ich meine Kräfte zusammengerissen.

    Beleuchtet war die Auffahrt nur an ihrem Anfang. Für Insider: etwa bis zur Höhe des Birkenhofs (ungefähr 300-400 m des Weges). Danach war alles stockfinster und manchmal echt unheimlich.

    Nachdem die Eigentümerfamilie zum neuen Sonnenhof umgezogen war, wohnte meine Familie alleine auf dem Gelände bis wir ca. 1 1/2 Jahre später ebenfalls dort weggezogen sind. Schon einige Zeit davor hatte sich auf dem Sonnenhof viel verändert.

    Nutztiere gab es nicht mehr. Die drei Gärtner, die meinen Vater bis dahin unterstützt haben, waren nicht mehr da, die kilometerlangen Wege überwucherten langsam mit Gestrüpp und das Terrain vor dem verriegelten Haupthaus wurde für uns Kinder (meine Schwester, mich und unsere Freunde) zum Abenteuerspielplatz.

    Goldfische

    Kinder aus dem Ort hatten davon Wind bekommen, dass es im Seerosenteich (siehe Foto) noch reichlich Goldfische gab. Meine Schwester und ich sind diesem „feigen Diebstahl“ zuvorgekommen und haben etliche der Goldfische in Sicherheit gebracht. Manche der Bassins in der Gärtnerei wurden nicht mehr gebraucht. Deshalb konnten wir sie für „unsere“ Goldfische zweckentfremden. Da die Becken überdacht waren, mussten wir ab diesem Zeitpunkt für ausreichend Nahrung sorgen. Neben den beiden Wellensittichen und dem Kaninchen noch ein paar Tiere mehr, die wir versprochen hatten, zu versorgen. Das haben wir meistens unseren Eltern überlassen. Die armen Tiere wären vielleicht verhungert, wenn sie auf uns angewiesen gewesen wären.

    Schwere Schieferplatten

    Absprachegemäß wurde eines Samstags ein Teil der schon erwähnten Schieferplatten abgeholt. Die Beladung des Traktoren-Anhängers dauerte ein paar Stunden. Mein Vater war dabei und half. Zwischendurch warnte er, es sollten nicht zu viele Steinplatten aufgeladen werden, die Auffahrt sei nämlich steiler, als man glauben würde. Leider wurde nicht auf ihn gehört. Ich kann mir gut vorstellen, dass die anderen keine Lust hatten, mehrfach hin- und herzufahren. Deshalb wurde dem kleinen Traktor etwas viel Gewicht zugemutet.

    So nahm das Unglück seinen Lauf.

    Beim ersten Stück des Weges war das Gefälle der Auffahrt noch nicht stark, erst nach etwa der Hälfte des Weges nahm es erheblich zu. Ungefähr 300 Meter, bevor die Auffahrt auf die Landstraße (Bedburg / Glesch) stieß, war auf der linken Seite ein Transformatorenhaus. Etwa gegenüber, etwas näher an der Landstraße gelegen, stand ein riesiger Strommast.

    Der Fahrer des Traktors bemerkte, dass die geladene Last tatsächlich zu hoch war und die Bremsen des Traktors versagten. Er ließ sich nicht mehr stoppen und nicht mehr richtig lenken. Ich kann mir vorstellen, welche Panik in den Beteiligten aufgestiegen sein muss.

    Wäre er mit dem immer schneller werdenden Gefährt über die Landstraße hinweg geschossen, hätten er und sein Beifahrer das wahrscheinlich nicht überlebt. Parallel zu Landstraße verliefen Felder. Der Versatz im Niveau der Straße zum Feld betrug vielleicht um die 30 cm. Dieser Höhenunterschied hätte wohl dazu geführt, dass Traktor und Anhänger nach dem unkontrollierten Überfahren der Landstraße so ineinander verkeilt wären, dass die Folgen schrecklich gewesen wären.

    Ich weiß nicht, ob sich der Fahrer solche Gedanken gemacht hat. Jedenfalls hat er wohl bewusst entschieden, dass es besser sei, den Traktor gegen den großen Strommast zu fahren, um die letzte Chance zu nutzen, das Gefährt vor einem unkontrollierten Überqueren der Straße zum Stehen zu bringen. Ein Risiko bestand zusätzlich darin, dass die Landstraße von anderen befahren wurde und die Auffahrt überhaupt nicht einzusehen war.

    Stromausfall

    Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass die Stromleitungen vom Mast abrissen. Die Leitungen knallten auf die Erde und verwandelten alles rundherum in ein gewaltiges Meer aus Funken und Blitzen. Wie durch ein Wunder wurde keiner verletzt. Mein Vater kam nach Hause gelaufen. Er war weiß wie die Wand und total geschockt. Er rief die Polizei an und erklärte kurz, was passiert war.

    Nachher stellte sich heraus, dass der Strom im ganzen Stadtgebiet ausgefallen war. Wenn ich mich richtig erinnere, waren sogar Teile von Bergheim davon betroffen.

    Ich weiß nicht mehr, ob der Unfall für die Verantwortlichen zu Konsequenzen geführt hat. Wahrscheinlich war das so. Der Stromausfall dauerte mehrere Stunden – und das samstags mittags.

    Was wohl heute los wäre, wenn etwas Derartiges passieren würde? Die Auswirkung, die der Unfall für mich als Jungen hatte, war, dass ich eine spannende Geschichte von meinem Vater erzählt bekam und der Fernseher am Nachmittag nicht lief.

    Ich war sowieso lieber draußen.

  • Die Milch kocht über

    Der Sonnenhof hatte für uns Kinder etwas Paradiesisches. Meine Schwester wurde dort geboren. Ich bin fünf Jahre älter als sie und war etwa 3 Jahre alt als wir dorthin gezogen sind.

    Mein Vater war 29 Jahre alt als er aus 5jähriger russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekehrte. 1939 war er einberufen worden und erst 1949 nach Hause zurückgekehrt. Ich denke, wie viele in dieser Lage, hat er versucht, wenigstens ein Fitzelchen der durch den Krieg verlorenen zehn Lebensjahre nach- oder aufzuholen.

    Meine Mutter und er lernten sich im Sommer in der „Badeanstalt“ unseres Städtchens kennen. Meine Mutter erzählt heute noch, dass sie von seinen wunderbaren weißen und makellosen Zähnen begeistert gewesen wäre. Ich glaube ja, ein bisschen mehr wird es wohl gewesen sein. Schließlich hat ihre Ehe über fünfzig Jahre gedauert.

    Meine Mutter war 19 Jahre alt als sie meinen Vater kennenlernte. Sie kümmerte sich als Älteste ganz allein um ihren Bruder und ihre kleine Schwester. Die drei Geschwister waren schon seit einigen Jahren Vollwaisen. Mein Vater nahm gewissermaßen die väterliche Rolle ein.

    Als gelernter Gärtner bekam er eine entsprechende Stelle auf dem Sonnenhof. Seine Aufgabe bestand in der gärtnerischen Pflege eines, jedenfalls für heutige Verhältnisse, sehr großen Privatbesitzes. Dieser gehörte einem der Industriellen, die es damals noch in unserer Stadt gegeben hat. Neben seinem Chef gab es außer meinem Vater in der Gärtnerei noch drei Kollegen – alle ebenfalls Gärtner.

    Als Mitte der 50er-Jahre der Chef meines Vaters verstarb, trat er dessen Nachfolge an.

    Damit war unser Umzug auf den Sonnenhof in ein „eigenes“ Haus beschlossene Sache. Übrigens, ein Haus mit Zentralheizung und Badezimmer. Ich war damals noch zu klein, um mich an diese geradezu luxuriösen Veränderungen für unsere Familie erinnern zu können. Anfang der 1970er, der Sonnenhof musste dem Rheinbraun – Tagebau weichen, zogen wir in eine Mietwohnung in Blerichen. Dort gab es keine Heizung. Den Unterschied habe ich damals kennengelernt. War nicht schön. Man gewöhnt sich halt leichter an positive Veränderungen 🙂

    Bilder vom alten Sonnenhof:

    Wir wohnten gleich neben der Gärtnerei, zwei riesige Gärten lagen keinen Steinwurf von unserem Wohnhaus entfernt. Die Familie Holtkott, die Besitzer des Anwesens, führten neben den RLB Werken in Bedburg u.a. noch ein mittelgroßes Hotel in Köln auf dem Kaiser-Wilhelm-Ring. Dafür wurden unzählige Blumen, Gemüse und eben alles Mögliche gebraucht.

    (Luftaufnahme Sonnenhof. Das ist das Hauptgebäude. Um dieses herum erstreckte sich ein Waldgebiet mit zwei große Gärten und einige Kilometer Wanderwege.)

    Meiner Schwester und mir mangelt es nicht an wunderbaren Erinnerungen an eine richtig schöne Kindheit. Unsere Freunde, die den Sonnenhof kennengelernt haben, teilen bis heute unsere Begeisterung.


    Ich möchte eine Geschichte erzählen, die passiert ist, als ich ungefähr fünf Jahre alt war. Also zu einer Zeit, als meine Schwester noch nicht geboren war. Ich erinnere mich noch ziemlich genau.

    Auf dem Gelände des Sonnenhofs gab es einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb, einen Tennisplatz, ein Schwimmbecken, einen Seerosenteich und zwei große Weiden für Kühe. Ich glaube, es waren 5 oder 6. Schweine und Hühner gab es auch. Für die Pflege der Kühe war ein so genannter „Schweizer“ zuständig.

    Jeden Abend gab es für uns einen Liter frische Milch. Diese wurde nach dem Melken in der so genannten Milchküche (siehe Bildbeschreibung in der Foto-Galerie) bearbeitet, so dass sie danach nur noch abgekocht werden musste. Meine Aufgabe war es, unseren Liter Milch abends abzuholen und in unsere Küche zu bringen.

    Eines Abends, draußen war es schon fast dunkel, wollte mein Vater die gerade von mir abgelieferte Milch kochen. Meine Mutter war noch zum Einkauf in Bedburg. Übrigens hatten wir nie ein Auto. Deshalb wurden die wöchentlichen Einkäufe grundsätzlich zu Fuß oder mit dem Rad erledigt.

    Bedburg lag ca. 3 bis 4 km (?) vom Sonnenhof entfernt, genauer gesagt von unserem Haus. Das war eine der Schattenseiten unserer ansonsten privilegierten Wohnlage. Zur Bedburger Schule war es ein langer Weg, auch mit Rad. Im Winter lag leider schon damals nicht so häufig Schnee, dass ich oft in die Verlegenheit gekommen wäre, meine geliebten Gleitschuhe anzulegen. Was hat das für einen Spaß gemacht, wenn man mit diesen Dingern auf noch unberührten weißen Wegen unterwegs war! Sogar dann, wenn es in die Schule ging.

    Unsere Küche war groß. Neben dem Kohleofen gab es noch einen Elektroherd, einen Tisch mit vier Stühlen und eine große Couch. In der Ecke stand ein altes Radio, das ständig lief. Ein Kühlschrank fehlte damals noch. Zum Kühlen diente der Keller. Es gab ein mit Fliegendraht abgetrenntes Schränkchen. Das war’s.

    Der Lichtschalter in der Küche bestand in einer Quaste, den ich (später) gern als einen Hauch von Luxus bezeichnet habe. Das Ding insgesamt kann man sich ungefähr so vorstellen.

    Mein Vater stand am Herd und war dabei die Milch abzukochen. Ich hatte Langeweile. Große Langeweile. Ich wedelte ein bisschen mit der Quaste (dem Lichtschalter) und ließ ihn kreuz und quer, hin und her pendeln. Mein Vater bekam das mit und ermahnte mich, jetzt bloß nicht das Licht auszuschalten. „Die Milch kocht gleich!“

    Gute Idee, dachte ich. Ich wartete, bis die Milch aufkochte und mein Vater Anstalten machte, mit den zwei Topflappen den heißen Milchtopf vorsichtig vom Herd zu nehmen. In diesem Moment…

    Klick. Licht aus. Es war (inzwischen) stockfinster. Ein Schrei, Wut. Hooooorst.

    Die Operation war also gelungen, und ich war deshalb schon eiligst unterwegs nach draußen. Ich durchquerte schnell den langen mit einem „Teppich“ aus bedruckter Teerpappe (Feltbase war damals in) ausgelegten Flur. Gleich vor unserem Haus stand eine Hecke (s. Foto). Sie umgab beinahe die gesamte Front der Gärtnerei und stellte für mich als damals Fünfjährigen noch ein Hindernis dar. Mein Vater und ich spielten zwischendurch gern mal Olympiade. Eine der Disziplinen war das Überspringen dieser Hecke. Würde mir das ausgerechnet heute in dieser Notlage zum ersten Mal gelingen?

    Es war dringend nötig, denn mein Vater war bereits kurz hinter mir. Ich nahm Anlauf und … Mist! Ich blieb hängen und fiel fast aufs Gesicht. Das war nicht weiter schlimm, aber der Sturz raubte mir den Vorteil. Mein Vater hatte mich am Schlafittchen.

    Ich erinnere mich nicht daran, wie die anschließende Standpauke ausfiel. Schlagen war kein Erziehungsmittel meiner Eltern. Ich weiß noch, dass es später vier-, vielleicht fünfmal Situationen gab, in denen mein Vater die Beherrschung verlor und mir eine geklatscht hat. Das war später.

    Im 1. Schuljahr von einem Lehrer eine Ohrfeige bekommen, weil ich nicht aufgepasst hatte. Damals (Anfang der 60er Jahre) war das noch ganz normal.  Nicht für meinen Vater. Er fuhr – mit dem Rad – zur Schule und hat dem Lehrer die Meinung gesagt. So war das. Dieser Lehrer und ich sind keine Freunde geworden. Als er sich, ich war schon in der 4. Klasse, den Arm brach, lernte ich im Blitzverfahren, wie sich Schadenfreude anfühlt.

    Die Geschichte geht noch weiter: Nachdem Papa mich also gestellt hatte, folgte die Ansage: „Ab ins Bett!“

    Wenig später kam meine Mutter nach Hause und fragte sofort: „Wo ist der Jong?“ „Im Bett!“ antwortete Papa ein wenig zu harsch. „Wie im Bett, was ist denn passiert?“. Ich erinnere mich daran, dass ich Spaß hatte, dass die beiden jetzt Knatsch hatten. Schlimmes Kind!

    Am nächsten Morgen war alles wieder gut.